Meine Mama, die alleinerziehende Powerfrau

In Österreich sind rund 18 Prozent der Haushalte Familien mit nur einem Elternteil. 99% davon sind Frauen[1]. Neben dem finanziellen Auskommen ihrer Familie, stehen sie alleine vor vielen alltäglichen Hürden, um ihren Kindern ein intaktes Familienleben zu sichern. Alleinerzieherinnen entwickeln häufig ein Organisationstalent, das das Geschick so manchen Managers in den Schatten stellen lässt. Im Feierabend warten nicht nur Kinder, die bespaßt werden wollen, sondern auch ein Berg Geschirr und natürlich die Hausaufgaben, die auf dem Küchentisch warten. Die Frage ist nur: Wie schaffen diese Frauen das eigentlich?

Die doppelte Elternrolle und das Netzwerk

Ich bin selbst Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Für mich persönlich war es nie ein Thema mit nur einem Elternteil zu leben. Meine Mutter war für mich sowohl Mama als auch Papa in einer Person. Daneben haben auch meine Großeltern eine wesentliche Rolle in meinem Leben eingenommen. Das Netzwerk rund um meine Mutter war ein wichtiges Auffangbecken, den Arbeit und das Familienleben alleine zu meistern, ist in Österreich nicht einfach. Kinderbetreuungsstellen sind rar und meist sehr teuer.

Der Kampf um die Enstigmatisierung.
Oder die Stärke einer Mutter.

„Geht nicht, gibt‘s nicht! Alles ist möglich, wenn man nur will!“ Ein Leitspruch meiner Mutter, der auch mein eigenes Leben sehr geprägt hat. Für mich haben alleinerziehende Mütter eine Vorbildfunktion. Es sind Frauen, die die Stärke besitzen sich aus negativen Beziehungen zu lösen um ihren Kind ein angenehmeres Umfeld, ohne Streit, zu schaffen. Einfach ist solch ein Schritt meist nicht. Schon alleine die finanzielle Belastung ist eine große Hürde. Frauen üben oft Berufe mit geringerem Einkommen aus, wie es beispielsweise als Pflegepersonal der Fall ist. Vom Umfeld wird einem oft suggeriert, dass ein Kind in seiner Entwicklung eine männliche Bezugsperson brauche. Dieses Gefühl hatte ich nie. Vor allem durch das gemeinsam Erlebte habe ich eine sehr enge und tiefe Beziehung zu meiner Mutter. Ein Band, dass nur schwer zu trennen ist. Das gemeinsam Erlebte schweißt einen zusammen und macht die Bindung umso intensiver.

Ich persönlich konnte vieles aus dieser besonderen Mutter-Kind-Beziehung mitnehmen. Die Stärke, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man nur an sich glaubt, das Urvertrauen, dass sich alles zum Guten entwickelt und das Bewusstsein, dass man als alleinstehende Frau alles schaffen kann.

Stefanie Rabensteiner, 1997 geboren, im Murtal aufgewachsen, studiert Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Salzburg und beschäftigt sich vor allem mit den Thematiken: Frau sein, Selbstoptimierung und der modernen Arbeitswelt.

Kontaktdaten:

rabensteiner.stefanie97@gmail.com
[1] https://www.oesterreich.gv.at/themen/familie_und_partnerschaft/alleinerziehung/

 

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Die Väterrechtsbewegung 

 MARIAM IRENE TAZI-PREVE „Das Versagen der Kleinfamilie – Kapitalismus, Liebe und der Staat“, Seite 127 bis Seite 133 

Der Kampf um verlorene Machtpositionen durch die Familienrechtsreform der 1970er Jahre setzte schon Ende der 1980er Jahre im Rahmen der Väterrechtsbewegung wieder ein. In den 1990er-Jahren wurde der wissenschaftliche Schwerpunkt auf die Defizite im Familienverhalten von Vätern („the missing fathers“) durch die Aktivitäten der Väterbewegung zurückgedrängt. Diese lenken seither das Augenmerk primär auf die rechtliche Seite der Vaterschaft, die angeblich Väter nach der Trennung von der Kindesmutter benachteilige (Fthenakis/Textor 2002). In Deutschland forcierten dies vor allem WissenschaftlerInnen (Fthenakis 1985, 1988: Amendt 2006), in Österreich primär AkteurInnen aus den Bereichen Justiz und Politik. 

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Kundgebung Feministische Alleinerzieherinnen

Rede vom 4.3.2021

Durch eine Veranstaltung wie heute wird das Schweigen von Frauen gebrochen und Frauen ermutigt, Dinge laut auszusprechen.

Das Aufzeigen bestehender Ungleichheiten zwischen Mann und Frau liegt in unserer Verantwortung und muss ein Bewusstsein geschaffen werden, dass Frauen nach wie vor weniger als Männer verdienen, nach wie vor die Last von Beruf und Familie in einem (meist allein) stemmen müssen sowie erhebliche finanzielle Einbußen aufgrund von Kinderbetreuungs- und Elternteilzeitjahren erleiden. Insbesondere die Coronapandemie hat zu dem bereits bestehenden Ungleichgewicht von Mann und Frau nochmals erheblich beigetragen, mussten zu einem prozentuell höheren Anteil Frauen als Männer Jobverluste hinnehmen und sehen sich mehr Frauen denn je in der Alleinverantwortung für die Kinderbetreuung, das Homeschooling und Haushaltsführung. Dennoch nehme ich – bedauerlicherweise auch immer wieder von Frauen selbst – wahr, sie würden sich vom Feminismus distanzieren oder höre, die Gleichberechtigung wäre quasi final umgesetzt. Derartige Worte in einer Zeit zu hören, in der in einem europäischen Nachbarland eines der schlimmsten Abtreibungsgesetze wiedereingeführt wird, der neue Konservativismus – die Frau zu Hause – wieder state of the art wird und Frauen im Zuge der Pandemie die ersten Leidtragenden von Kündigungen oder Reduktion auf Teilzeitbeschäftigung waren und auch die häusliche Gewalt, wohl auch bedingt durch die Coronapandemie, zunehmend steigt, ist meiner Ansicht nach für die Entwicklung der Frauen fatal.

Tatsächlich ist es heute nach wie vor so und tendenziell wieder steigend, dass sich die Frau um Haushalt und Kindererziehung kümmert und maximal einer Teilzeitbeschäftigung nachgeht. Vielfach entscheiden sich Frauen auch wieder zur Gänze zu Hause zu bleiben und sich voll und ganz der Familie zu widmen. Das Problem liegt nach wie vor darin, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur schwer lebbar ist. Ich möchte anmerken, dass nicht jede Frau gezwungen wird zu Hause zu bleiben, sondern dies auch vielfach aus freiem so entscheidet. Ich möchte die-se Entscheidungen auch nicht kritisieren, doch fehlt meiner Ansicht nach die Aufklärung, welch (insbesondere) rechtliche Konsequenzen derartige Entscheidungen schlussendlich mit sich bringen.

In unserer Kanzlei finden sich dann viele betroffene Frauen ein, die für die Familie ihren Beruf hintangestellt haben oder mangels Vereinbarkeit mussten und dann im Falle der Ehescheidung oft mit finanziellen Existenzproblemen zu kämpfen haben. Erst dann wird ihnen bewusst, dass weder eine Vorsorge für die Pension, noch berufliche Sicherheit geschaffen wurde, sohin ein finanzielles Überleben ohne den Mann schlichtweg schwierig ist. Richtigerweise liefert das Unterhaltsrecht in Österreich einen gewissen Schutz für Frauen. Bitte zu betonen ist aber, dass nur die verheiratete Frau gds. einen solchen Anspruch erwirken könnte. Die Lebensgefährtin hat keinen Anspruch auf Unterhalt, eine Ausgleichszahlung oder sonstige aus der Ehe abzuleiten-den Rechte.

Der Unterhaltsanspruch setzt das zumindest überwiegende Verschulden des Mannes voraus. Das überwiegende Verschulden setzt beweisbare Eheverfehlungen voraus und ein eigenes nur sehr geringes Verschulden an der Zerrüttung der Ehe, was der freien Beweiswürdigung des Richters/der Richterin unterliegt. Sollte die Frau es tatsächlich schaffen das Verschulden des Mannes zu beweisen, ist damit noch nicht Genüge getan, zieht dies in vielen Fällen ein langwieriges Unterhaltsverfahren nach sich, das nicht selten zu weiteren Beweisproblemen der Frau, vor allem bei selbständig erwerbstätigen Männern, führt.

Sollte die Frau aber tatsächlich ein Verschulden des Mannes beweisen und einen Unterhalt der Höhe nach erwirkt haben, gleitet sie in die nächste Abhängigkeit, nämlich monatlich auch tat-sächlich den Unterhalt vom Mann überwiesen zu erhalten und nicht doch Exekution gegen ihn führen zu müssen.

Sollte die Frau all dies nicht durchsetzen, bleibt ihr allenfalls ein sogenannter Bedarfsunterhalt, der schlussendlich zeitlich mit der Vollendung des 5. Lebensjahres des Kindes begrenzt ist bzw. nur bei tatsächlicher Bedürftigkeit der Frau zusteht. Und dabei sprechen wir von Frauen, die schlussendlich nach jahrzehntelanger Einbringung von Arbeitsleistung in die Familie und der Betreuung der Kinder, in ihrer Pension mit minimalen Beträgen überleben müssen und sich zu-vor nicht nur einmal anhören mussten „na wärens halt arbeiten gegangen“. Und derartige Aus-sagen sind keine Einzelfälle, auch im Jahr 2021 (!).

Problematisch erweist sich schließlich, dass ja auch der Hinterbliebenenpensionsanspruch der Frau verknüpft ist mit einem Unterhaltsanspruch, der wiederum an das Verschulden des Man-nes gekoppelt ist. So würde ein Versorgungsausgleich, der vom Verschulden der Frau unabhängig zu gewähren wäre und einen gewissen Ausgleich für verlorene Versicherungszeiten schaffen würde, hier einen gewissen Schutz gewähren, doch wird ein solcher kaum diskutiert.

Im Regelfall hat die Frau zumindest insofern Anerkennung bekommen, als ihr zugestanden wurde, in der Vergangenheit die überwiegende Betreuung der Kinder übernommen zu haben. Nunmehr lässt sich aber tendenziell die Richtung erkennen, dass der Frau nicht einmal mehr diese Tatsache zugesprochen wird, sondern vielmehr das sogenannte Doppelresidenzmodell immer öfter festgelegt wird, so als hätte die Frau und der Mann die Kinder in der Vergangenheit ja stets gleichteilig betreut. Nur marginale Unterstützungen des Mannes werden als hervorragend betont, während die Leistung der Frau als selbstverständlich betrachtet wird. Zahlreiche Männer werden im Fall der Scheidung/Trennung plötzlich zu „Supermännern“, die in den letzten Jahren neben Job und Karriere angeblich maßgeblich die Kinder betreut hätten, da sie ja tat-sächlich das Kind in den Kindergarten gebracht haben oder am Wochenende mit den Kindern im Park waren. Nicht in seltenen Fällen wird daher die Doppelresidenz nach der Trennung/Scheidung empfohlen und teilweise aufgrund unserer vermeintlich geänderten gesellschaftlichen Gegebenheiten der Gleichberechtigung der Frau als Regelfall betrachtet – wo diese gesellschaftlichen Änderungen stattfinden, erschließt sich mir nur nicht.

Es bedarf eines Systems sozialer Gerechtigkeit, in dem Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden, tatsächlich ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen und diese mit der Kinderbetreuung vereinbaren zu können. Und hier setze ich nicht bei der Argumentation an, dass der Mann seinen Erwerb einschränken soll, sodass schlussendlich beide Beteiligten keine Aussichten auf Absicherung haben, sondern einem System, das Frauen und Männer gleichermaßen absichert. Unsere ehemalige Frauenministerin Dohnal hat schon vor Jahrzehnten betont, dass die Lösung durchaus in der 30 Stunden Woche für Männer und Frauen gelegen wäre. Es folgt jedoch auch auf diese tatsächlich erfolgversprechende Lösung nur Schweigen.

Ich hoffe ich konnte aufzeigen, dass der Kampf für die Rechte der Frauen noch lange kein Ende hat, Reformbedarf an zahlreichen Stellen gegeben ist und wir uns derzeit meiner Ansicht nach bedauerlicherweise rückwärts bewegen, zum Schaden der Frauen.

Dr. Helene Klar: Gemeinsame Obsorge und Doppelresidenz

Aktuelle Untersuchungen haben ergeben, dass bei aufrechter häuslicher Gemeinschaft der Eltern und beiderseitiger Berufstätigkeit die Betreuung der Kinder und/oder die Hausarbeit nach wie vor überwiegend den Frauen obliegt und diese im Durchschnitt glaublich zwei Stunden täglich mehr Arbeitszeit für Haushalt und Kinderbetreuung aufwenden als ihre Männer. Daraus folgt, dass insbesondere jüngere Kinder mehr persönlichen Kontakt mit ihren Müttern haben und an die Alltagsversorgung durch die Mutter gewöhnt sind. Die Vorstellung, dass durch eine Trennung oder Scheidung der Eltern der Vater ohne weiteres Funktionen übernehmen kann, die bis zur Scheidung oder Trennung die Mutter wahrgenommen hat, ist weltfremd. 

Zu berücksichtigen ist, dass eine Scheidung oder Trennung in der Regel wegen eines tiefgreifenden Zerwürfnisses stattfindet, das es den Eltern unmöglich macht, weiter miteinander zu leben. Häufig sind unterschiedliche Erziehungsvorstellungen und/oder finanzielle Fragen die Ursache dieses Zerwürfnisses. Die Vorstellung, dass es unter diesen Umständen Eltern möglich ist, in Fragen der Kindererziehung und/oder Verwendung finanzieller Mittel für die Kinder „an einem Strang zu ziehen“ ist daher gleichfalls völlig realitätsfern. 

Aufgrund der Rechtslage nach der Familienrechtsreform 1978 wurde die Obsorge für Kinder nach Scheidung oder Trennung der Eltern demjenigen Elternteil übertragen, der das Kind in seinem Haushalt betreute. Aufgrund der eingangs erwähnten Gegebenheiten waren dies überwiegend die Mütter, für welche die Betrauung mit der alleinigen Obsorge in der Regel auch mit beruflichen Einschränkungen und Einschränkungen ihres Privatlebens verbunden war. Dennoch wurde die überwiegende Betrauung von Müttern mit der Obsorge nach einer Trennung oder Scheidung von betroffenen Vätern als „Machtverlust“ und vermeintliche Bevorzugung der Mütter erlebt. 

Die Einführung einer Obsorge beider Elternteile nach Trennung oder Scheidung im Jahr 2001 hatte in Wahrheit nur den Zweck, den betroffenen Vätern das Erlebnis dieses „Machtverlusts“ zu ersparen, wobei die Obsorge beider Eltern zunächst auf einem „Einvernehmen“ der Eltern beruhen musste. 

Auch hier zeigte allerdings die Praxis, dass selbst bei gemeinsamer Obsorge die hauptsächliche Betreuung bei der Mutter verblieb, die Väter daher die gleichen Rechte wie die Mütter hatten, aber weiterhin weniger Verpflichtungen und Einschränkungen. 

Ab 2013 wurde das Gesetz zum Nachteil der Frauen weiter verbösert, indem es seither auch möglich ist, gegen den Willen eines Elternteils (gemeint: gegen den Willen der Mutter) eine Obsorge beider Elternteile anzuordnen. Obwohl das Gesetz vorsieht, dass hier im Einzelfall zu prüfen ist, ob diese Obsorge beider Elternteile dem Wohl des betroffenen Kindes besser entsprechen würde als die Obsorge durch einen Elternteil allein, ist es binnen kurzer Zeit üblich geworden, dass die Gerichte davon ausgehen – abgesehen von krassen Ausnahmsfällen – die Obsorge beider Elternteile als im Sinne des Kindeswohls gelegen anzusehen, wobei sie sich auf die psychologische Fachmeinung stützen, dass der Vater, dem die Obsorge nicht zusteht, das Interesse an seinen Kindern verlieren würde (?). 

Überdies befürworten Psychologen und entscheiden Richter Besuchskontakte, die einer „Doppelresidenz“ zumindest nahekommen, bei „Einverständnis“ der Eltern kann auch völlig gleichteilige Betreuung vereinbart werden. Dies erscheint auch und vor allem als massive Verletzung des Kindeswohls, da es aus Kindern Pendler zwischen zwei Wohnsitzen macht. 

Haben früher Kinder durch die Trennung der Eltern in der Regel den intensiven Kontakt zu einem Elternteil verloren, haben sie nunmehr nicht mehr die Möglichkeit, auch nur zu einem Elternteil eine stabile Beziehung und innige Bindung aufrecht zu erhalten. 

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass es bei Personen, die zwischen 1978 und 2001 Kinder bzw. Jugendliche waren, also in der Zeit der Regelung der Familienrechtsreform 1978 und des angeblichen „Machtüberhangs“ der Mütter, keine auffallende Häufung psychischer Erkrankungen oder Störungen gibt. Inwieweit hingegen die gegen den Willen der Mutter erzwungene Obsorge beider Elternteile und Doppelresidenz die psychische Entwicklung, insbesondere die Bindungsfähigkeit der durch das KindNam- RÄG 2013 betroffenen Kinder beeinträchtigen wird, wird sich erst weisen. 

Helene Klaar,1948 in Wien geboren, nach abgeschlossenem Studium der Rechtswissenschaften und ersten beruflichen Erfahrungen legt sie 1976 die Anwaltsprüfung ab und lässt sich als selbstständige Anwältin eintragen. Neben dem Miet- und Arbeitsrecht konzentriert sie sich in ihrer Wiener Kanzlei vor allem auf das Familienrecht. Mit dem Inkrafttreten der Familienrechtsreform 1976/78, in der das “patriarchalische” durch das “partnerschaftliche” Familienrecht ersetzt wurde, hat sich Helene Klaar im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit den Ruf erworben, in der Mehrzahl Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen. Sie vertritt allerdings auch Männer, speziell dann, wenn sich diese ebenfalls in schwierigen Situationen befinden. Helene Klaar wurde 2004 für ihre “besonderen Verdienste um Frauen im Scheidungsfall” mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Obsorge: Nimm du die Sorge – ich behalte das Recht

Katja Russo Frauen* beraten Frauen*

Die familienrechtlichen Entwicklungen der letzten Jahre haben für Mütter die von den Kindesvätern getrennt leben zu gravierenden Veränderungen, Verunsicherungen und in konflikthaften Fällen zu Verschlechterungen und hoher Belastung geführt.

Frauen durchleben Schwangerschaft, Geburt und danach oft längere Karenzzeiten. Sie wählen berufliche Laufbahnen die ihnen am ehesten mit Kinderbetreuung und Familie vereinbar erscheinen. arbeiten Teilzeit, ziehen Beförderungen, berufliche Weiterentwicklungen und viele Arten der persönlichen Entfaltung nicht in Betracht um ihre Rolle als Mutter und Partnerin besser ausfüllen zu können.

These 1: Die lebensgestaltenden Entscheidungen von Frauen zugunsten der Verantwortungs- und Betreuungsübernahme für Kinder und ihre Familie, die tatsächlich gelebte Lebensrealität in Familien wird in der derzeitigen Judikatur vielfach ignoriert.

Das Nicht-Anerkennen von weiblicher Leistung und weiblicher Spezifität ist keineswegs neu. Im Gegenteil es ist Fortsetzung ,  ja sogar Verschärfung des patriarchalen Prinzips der Verleugnung, Ausblendung und Entwertung, der Leistungen und Lebensrealitäten von Frauen.

Die Folgen auf psychologischer Ebene sind bekannt: Depression, Selbst- und Fremdentwertung, Ängste, Verzweiflung, Erschöpfung, Wut und Scham,…..

These 2: Gewalt gegen Frauen ist für die gerichtlichen Entscheidungen zu Obsorge und  Kontaktrecht der Väter wenig relevant.

Vielfach erzählen betroffene Frauen die durch ihre Partner und Kindesväter Gewalt erfahren haben, dass Druck auf sie ausgeübt wird den Forderungen der Väter zu entsprechen. Mit Sätzen wie  „Das was früher war ist hier nicht relevant – wir konzentrieren uns auf die Gegenwart.“ werden Frauen zum Schweigen gebracht.

Das Nicht ernst nehmen, ausblenden, ja sogar sanktionieren des Sprechens über Gewalterfahrungen ist für Opfer katastrophal. Es entsteht der Eindruck, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass egal was sie erlebt haben, die Meinung des Täters immer wirkmächtiger ist.

These 3: Die verschiedenen Formen der Vorteilsnahme von Vätern in Kontaktrechts- und Obsorgeverfahren werden unter dem Deckmantel des angeblichen Kindeswohls verschleiert.

Väter versuchen möglichst viel Kontaktrecht oder sogar das Doppelresidenzmodell gerichtlich zu erwirken um Kindesunterhalt zu sparen und möglichst viele machtvolle Einflussmöglichkeiten auf das weitere Leben ihrer Expartnerinnen zu haben. Besonders deutlich wird das wenn sie gar keine Zeit haben sich wirklich um die Kinder zu kümmern, auf jederzeitigen Abruf ihr Kontaktrecht haben möchten oder die Betreuung wieder, meist an andere Frauen, auslagern.

These 4: Frauen werden in familiengerichtlichen Verfahren häufig psychologisiert oder pathologisiert. Männern wird Rationalität zugeschrieben.

Die starke emotionale Betroffenheit von Müttern im Verfahren – es geht um ihre Kinder und ihr Leben mit ihnen, wird ihnen nicht selten zum Vorwurf gemacht. Es findet sich in gerichtlichen Protokollen eine eigenartige psychologische Bewertung von Frauen, während die Aussagen von Männern uninterpretiert beim „Wort genommen werden“.

Bei manchen derzeitigen Verläufen von Verfahren ist es ein Wunder, dass Frauen es überhaupt schaffen halbwegs ruhig zu bleiben. Eigentlich müssten sie laut aufschreien. Die Psychologisierung ist ein altbekanntes Mittel um die Positionen von Frauen zu schwächen, sie zu Infantilisieren und ihre Aussagen nicht ernst nehmen zu müssen.

Resumeé:

Wenn die Gleichverteilung der Kinder und Familienarbeit ein Anliegen dieser Gesellschaft wäre müssten aktive politische und soziale Schritte unternommen werden damit Frauen und Männer sich nicht für die traditionelle Rollenverteilung entscheiden.

Solange die traditionellen Geschlechtsrollen in Österreich die vorrangigen Lebensformen sind, können die derzeitigen psychojuristischen Instrumente zu massivem Machtmissbrauch gegenüber Müttern und Kindern  führen.

Das kann sich durch folgendes Vorgehen zeigen:

Das Verdrehen von Fakten zu ungunsten der Frauen (z.B. die sehr starke generalisierte Unterstellung, dass  Mütter versuchen würden den Vätern die Kinder zu entziehen.  Ich kenne vorrangig das Gegenteil – Mütter bemühen sich hartnäckig, Väter zu verstärktem Engagement zu bewegen)

Das Aufkündigen von Arbeitsteilungen die das Paar zu Beginn der Beziehung gemeinsam beschlossen hat – ohne angemessenen Ausgleich für die wegen der Familienarbeit finanziell/beruflich benachteiligte Partnerin.

Die Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen und Kinder oder in besonders schlimmen Fällen die Täter-Opferumkehr.

Die Abwertung und Missachtung der Verzweiflung von Frauen durch abwertende Psychologisierungen ihrer Gefühle.

Als letzten Punkt möchte ich die Belastung der Frauen und Kinder durch sehr lange andauernde Verfahren erwähnen. Nicht selten dauern familienrechtliche Verfahren mehrere Jahre und sind sie abgeschlossen können sie durch einen Neuantrag, eine Anzeige jederzeit wiedereröffnet werden. Ich denke, dass diese jahrelangen auch juristisch geführten Konflikte, Mütter und ihre Kinder erschöpfen und zu großen psychischen Beschädigungen führen.

Gemeinsame Obsorge und Doppelresidenz

Positionspapier des Vereins wendepunkt zur gemeinsamen Obsorge und zum Doppelresidenzmodell 

Der Verein wendepunkt betreibt seit bald 30 Jahren die Frauenberatungsstelle und das Frauenhaus in Wiener Neustadt. Darüber hinaus bietet der Verein Psychotherapie auf Krankenschein bzw. zum Sozialtarif an und ist in der Präventions- sowie Sensibilisierungsarbeit tätig. 

„Häusliche Gewalt an Frauen und Kindern“ sowie „Trennung/Scheidung“ sind die häufigsten Themen, mit denen sich Frauen an den wendepunkt wenden. Manchmal geht es um rechtliche Fragestellungen, bei der Mehrzahl der Beratungen steht jedoch das Thema „häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder“ im Vordergrund. 

Gewalttätig zu sein bedeutet, Kontrolle und Macht auf psychischer, physischer, ökonomischer, sexueller und sozialer Ebene über einen anderen Menschen auszuüben. Ein Mann, der seiner Frau bzw. Partnerin gegenüber gewalttätig ist, hört nach einer Trennung nicht damit auf. Im Gegenteil: Die Trennungszeit ist die gefährlichste Zeit für Frauen, wie auch die Statistik der AÖF (Verein autonomer Frauenhäuser) der Frauenmorde belegt. Die Kontrolle seitens eines Mannes über eine Frau kann somit bis in den Tod reichen. 

Seit Einführung der sogenannten „automatischen gemeinsamen Obsorge“ im Rahmen des Kindschafts- und Namensrechtsänderungsgesetzes 2013 ist es für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, und ihre Kinder schwieriger geworden, sich aus dem gewalttätigen Familiensystem zu lösen. Die Auseinandersetzung mit einem gewalttätigen Ex-Mann bzw. -Partner muss aufgrund gemeinsamer Obsorge in den meisten Fällen weiter geführt werden. Jedes Gespräch zwischen den getrennten Elternteilen stellt dabei einen Kontakt dar, der von Gewalttätern genutzt wird, um ihren Ex-Partnerinnen zu drohen, sie zu erpressen, zu erniedrigen u.v.a.m. Eine weitere Form Gewalt auszuüben besteht häufig darin, dass Väter sich nicht an Vereinbarungen halten (z.B. die Kinder nicht oder zu spät abholen oder zurückbringen). Die Gewalt geht auf diese Weise auch nach einer Trennung weiter, was zu einer großen Belastung bei den betroffenen Frauen führt. 

Doch nicht nur die Mütter sind von der fortdauernden Gewaltausübung betroffen. Kinder, die häusliche Gewalt als ZeugInnen miterleben mussten, sind immer gleichermaßen von Gewalt betroffen. Sie befinden sich in einer Ambivalenz zwischen jenem Anteil ihres Vaters, den sie lieb haben, und dem Teil, der gewalttätig ist. Diese innere Spaltung erleben Kinder auch nach einer Trennung weiter, wenn ihr Vater sich nicht an Vereinbarungen hält, ihre Mutter vor ihnen schlecht macht etc. 

Ein Doppelresidenzmodell mit ständigem Wechsel des Aufenthalts sowie der fortdauernden „gewalttätigen Atmosphäre“ zwischen den Eltern bedeutet für Kinder aus Gewaltbeziehungen permanente Anstrengung und Anspannung. Ihre Aufmerksamkeit und Wachsamkeit ist chronisch erhöht. Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen waren und weiter sind, brauchen aber Klarheit, einen sicheren Ort mit Geborgenheit und viel Ruhe, die für die Auseinandersetzung und Aufarbeitung des Erlebten immense Bedeutung hat. 

Rechte implizieren stets auch Pflichten und Verantwortung. Die Erfahrungen der wendepunkt-Beraterinnen zeigen, dass gewalttätige Männer ihre Rechte zwar klar einfordern, oftmals auch vor dem Hintergrund größerer finanzieller Ressourcen und mit anwaltlicher Vertretung bei Gericht – ganz im Gegensatz zu den weniger vermögenden Frauen. Gleichzeitig übernehmen diese Väter ihre Pflichten nicht und überlassen die Verantwortung weiterhin zur Gänze den Müttern: 

  • Gewalttätige Väter holen ihre Kinder oft nicht pünktlich ab oder bringen sie unpünktlich zu den Müttern zurück. 
  • Gewalttätige Väter erwarten, dass ihre Ex-Partnerinnen ihnen alle Informationen über die Schule bzw. den Kindergarten übermitteln, anstatt sich selbst – so, wie es der Obsorgepflicht entsprechen würde – darum zu kümmern und sich direkt mit Betreuungs- und Bildungseinrichtungen in Verbindung zu setzen. Mütter tun dies ganz selbstverständlich. Erhalten gewalttätige Väter Informationen über Betreuungseinrichtungen nicht von den Müttern, verwenden sie dieses „Versäumnis“ gegen ihre Ex-Partnerinnen. etwa durch das Einbringen von Anträgen bei der Kinder- und Jugendhilfe oder, bei Gericht. 
  • Trotz bestehender arbeitsrechtlicher Möglichkeit gehen gewalttätige Väter im Fall der Erkrankung ihrer Kinder nicht in „Pflegefreistellung“, sondern überlassen diese Pflege ihrer Kinder selbstverständlich ihren Ex-Partnerinnen. 

Aus den genannten Gründen tritt der Verein wendepunkt dafür ein, dass eine gemeinsame Obsorge bzw. das angedachte und derzeit bereits von Gerichten ausgesprochene Doppelresidenzmodell nur dann zum Tragen kommt, 

 wenn es zwischen den Elternteilen eine gut funktionierende Gesprächsbasis gibt 

 und wenn gewährleistet ist, dass es Vätern bei all ihren Entscheidungen um das Wohl ihrer Kinder geht – und nicht um die Austragung persönlicher Konflikte auf der Paarebene. 

Des Weiteren müssen Pflegschaftrichter*Innen verstärkt darauf achten, dass das Doppelresidenzmodell nicht dafür eingesetzt wird, dass gewalttätige Väter keinen Unterhalt zahlen müssen, denn das entspräche einer Fortführung ökonomischer Gewalt. Wenn Mütter weiterhin allen Betreuungspflichten nachkommen, ohne dafür Alimentationszahlungen zur Verfügung zu haben, müssen sie oftmals schlechter bezahlte Teilzeitanstellungen annehmen und befinden sich dadurch finanziell doppelt im Nachteil. 

Der Verein wendepunkt hält daher Modelle der gemeinsamen Elternschaft nur in jenen Fällen für sinnvoll, wo es Eltern gelingt, ihre Pflichten und ihre Verantwortung gleichmäßig aufzuteilen. Im Falle häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder positionieren wir uns klar gegen gemeinsame Obsorge und das Doppelresidenzmodell. Diese Regelungen dürfen niemals dafür missbraucht werden, dass Frauen und Kinder durch fortgesetzte Gewaltausübung gefährdet, belastet und benachteiligt sind. Dafür machen wir uns stark. 

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