Familienrecht: Was gemeinsame Verantwortung bedeutet

Für die Grünen soll das Familienrecht ein modernes Familienbild widerspiegeln, Kritikerinnen befürchten eine Entmündigung unverheirateter Mütter

Ein Artikel von Beate Hausbichler, erschienen am 22. Februar 2022 in DerStandard

Das Familienrecht war schon immer ein heikler Bereich – für Eltern und vor allem für Kinder, die unter strittigen Trennungsfällen leiden. Läuft alles gut und die Eltern können sich auch getrennt lebend über die Sorgearbeit und Kinderbetreuung gut absprechen, dann spüren Eltern und Kinder das geltende Familienrecht kaum. Doch läuft es nicht gut, kann jedes Detail zählen.

https://www.derstandard.at/story/2000133547446/familienrecht-was-gemeinsame-verantwortung-bedeutet

Patriachale Narrative in familiengerichtlichen Verfahren

Rede von Sybille Moeller, Vorsitzende, Mütterinitiative für Alleinerziehende (die MIAs) anlässlich der Veranstaltung “Femizide und psychische Gewalt besonders gegen Mütter in Österreich” am 1. Dezember 2021 in Wien

Patriarchale Narrative erleben Betroffene in familiengerichtlichen Verfahren als eine zunehmende Gefährdung von Kindern und Müttern. Aufgrund dieser Entwicklungen entstand im Herbst 2017 die MIA – Mütterinitiative für Alleinerziehende aus der digitalen Vernetzung getrennter Mütter, die von andauernden Familiengerichtsverfahren betroffen sind. Diese Fälle haben sehr häufig einen Gewalthintergrund. Der Verein selbst wurde im Jahre 2018 gegründet, seinem Netzwerk  gehören rund 2.500 betroffene Mütter an.  Seit Januar 2020 ist MIA Mitglied im Bündnis Istanbul Konvention (BIK), ein Zusammenschluss von 20 Organisationen und Expert:innen aus dem Bereich Gewalt gegen Frauen. Das BIK verfolgt das Ziel, als Teil der Zivilgesellschaft die Umsetzung der Istanbul Konvention in Deutschland zu begleiten und voranzutreiben. MIA geht es dabei vor allem um den Artikel 31, den Frau Mag. Aziz gerade nannte.

Zum Gewalthintergrund: Auf Partnerschaftsgewalt folgt häufig Nachtrennungsgewalt. Neben dem Umgangsrecht des Vaters mit den Kindern, das weiterhin Zugriff auf die ehemalige Partnerin sichert und häufig den Gewaltschutz aushebelt, wird die vorgefallene und weiterhin ausgeübte Gewalt von Institutionen nicht ernst (genug) genommen. Stattdessen erleben gewaltbetroffene Frauen regelmäßig durch Familiengerichte und Verfahrensbeteiligte Victim Blaming und Täter-Opfer-Umkehr. Das Druckmittel ist dabei der angedrohte Verlust der Kinder. Die Dynamiken an Familiengerichten werden von Betroffenen als institutionelle Gewalt erlebt: Sie ermöglichen oft nicht nur weitere Gewaltausübung durch Täter, sondern Institutionen fügen Frauen und ihren Kindern zusätzliche Gewalt zu.

Institutionelle Gewalt gegen Mütter

Um dieses Problem sichtbar zu machen, hat MIA in 2020 zum ersten Mal die White Lily Revolution by MIA ins Leben gerufen. Die Aktion, die jährlich am Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) startet, soll Betroffenen einen Raum geben, gehört zu werden und die institutionelle Gewalt sichtbar machen. Mütter, die institutionelle Gewalt erlebt haben, legen an diesem Tag weiße Lilien auf die Stufen der Amtsgerichte, Oberlandesgerichte oder Jugendämter nieder, veröffentlichen die Fotos  davon zusammen mit ihren Berichten unter #whitelilyrev in Social Media.

Auf der Webseite der Aktion ist nachzulesen, unter welchen Drohungen Mütter teilweise zu leiden haben:  „Wenn Sie dem Wechselmodell nicht zustimmen, dann bekommt der Vater das Kind.“ Oder: „Wenn Sie mit dem Vater (trotz Gewalthintergrund) nicht kooperieren, dann sorge ich dafür, dass das Kind in ein Heim kommt.“ Diese und viele ähnliche Aussagen von Familienrichter:innen , Jugendamtsmitarbeiter:innen usw. berichteten uns betroffene Mütter.

Gewalt spielt keine Rolle

Laut einer Studie von Anja Eichhorn (Alice-Salomon-Fachschule für Sozialwesen Berlin) wird in der Praxis häusliche Gewalt weder als Menschrechtsverletzung gegenüber Frauen noch die damit verbundene Verantwortung staatlicher Akteure überhaupt wahrgenommen. Das Menschenrecht auf ein gewaltfreies Leben tritt oft hinter dem Umgangsrecht zurück. Mögliche Erklärungen für die Ursachen dieser Dynamiken geben Ausbildungsmaterialen der im Familiengericht beteiligten Akteure. Diese siind online zu finden und gestatten einen Blick auf Inhalte, die in Aus – und Fortbildungen von Familienrichtern, Jugendamtsmitarbeiter:innen und Gutachter:innen vermittelt wurden.  Die Folien des Sprechers vom Verband für lösungsorientierte Begutachtung beispielsweise zeigen neben patriarchalen Narrativen gravierende fachliche Mängel: Konflikte werden unter Vernachlässigung des fünften kommunikationstheoretischen Axioms generalisierend als symmetrisch gedacht. Der Konflikt wird als sich gegenseitiges Aufschaukeln der Konfliktparteien interpretiert. So entstehen laut Prof. Jopt, dem Autor der Folien, zwei subjektive Wahrheiten: Beide Elternteile fühlten sich als (Gewalt-)Opfer, beide sähen den jeweils anderen Elternteil als Täter. Der Psychologe Jopt beruft sich dabei auf die aus dem systemischen Ansatz stammenden Konflikttheorien von Glasl und Watzlawick sowie den kommunikationstheoretischen Begriff „Interpunktion“ und statuiert, Trennungsleid und Gewalt seien immer geschlechtsneutral. Dass zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe oft zwischen Symmetrie und Komplementarität wechseln, dass asymmetrische Machtverhältnisse durch verschiedene Rollen innerhalb einer Familie, durch institutionelle oder spezifische soziale Kontexte vorgegeben sein können, wird ausgeblendet. Vor diesem einseitig auf Interpunktion fixierten fachlichen Hintergrund wird an Gerichten oder bei Begutachtungen eine Gewaltsituation oft fälschlicherweise als gar nicht existent oder als psychologische Fehlverarbeitung der Trennung statt als echte Gewaltsituation interpretiert – Den Opfern wird nicht geglaubt.

Auf den Ausbildungsfolien behauptet Jopt außerdem, dass der betreuende Elternteil, in der Regel die Mutter, die Kinder zwangsläufig instrumentalisiere. Der Vater hingegen agiere nicht, er könne nur reagieren.  Wenn das Kind mehr bei der Mutter wohne als beim Vater, dann übe sie durch die Betreuung des Kindes automatisch Kontrolle über den Vater aus.

Jopt konstatiert, die Macht läge immer bei demjenigen Elternteil, bei dem die Kinder wohnen. Dadurch käme er bzw. sie in den Genuss eines „psychologischen Standortvorteils“. Jopt unterstellt, dass dieser aller Wahrscheinlichkeit nach den Standortvorteil ausnutzen, seine Verletzungen auf das Kind übertragen und es dadurch dem Besuchselternteil „entfremden“ werde. Das Ergebnis sei ein „Monsterbild“ vom Besuchselternteil, das ein Kind fast zwangsläufig entwickeln würde, wenn es nicht halbe-halbe im Wechselmodell lebe. Das Kind meide folglich den Besuchselternteil, in der Regel den Vater, und die Mutter könne sich dann auf den Kindeswillen berufen, um Umgänge zu verhindern.

Jopt greift auf seinen Folien klar auf ein antifeministisches Opfernarrativ zurück: Den Mythos vom durch die feministische, matriarchale Gesellschaft unterdrückten Mann.

Das Netzwerk, dem Jopt angehört, ist u.a. mit einer Forschungseinrichtung an der Universität Tübingen verbunden. Das sogenannte „Kimiss-Institut“ erhebt Daten darüber, wie Väter bzw. Besuchselternteile den Betreuungselternteil und dessen Fehler beurteilen und skaliert diese Aussagen. Diese werden nicht gegengeprüft, es gibt keine Kontrollgruppen oder sonst irgendeinen wissenschaftlichen Standard, um die Aussagen der Besuchselternteile wissenschaftlich zu validieren. Aus den ungeprüften, subjektiven Angaben der Besuchselternteile werden schließlich Aussagen über die sog. „Eltern-Kind-Entfremdung“ abgeleitet, deren Verursachung dem betreuenden Elternteil zugeschoben wird. In dieser wissenschaftlich fragwürdigen Studie existieren keinerlei Fragen bezüglich möglicher Verhaltensfehler des Besuchselternteils oder Fragen bezüglich möglicher Gewalt gegen die Mutter oder das Kind. Die Datenerhebung erfolgte über Väterrechtsnetzwerke im Internet. Ob die Angaben der Besuchselternteile stimmen, ist nicht verifizierbar.

Junk Science: „Eltern-Kind-Entfremdung“

Zum pseudowissenschaftlichen Narrativ der „elterlichen Entfremdung“ werden von Akteuren dieser Lobby große Kampagnen und Informationsmaterialen produziert: Jürgen Rudolph, Ex-Familienrichter und Akteur aus dem Netzwerk von Jopt, beriet beispielsweise die Drehbuchautorin des SWR-Films „Weil Du mir gehörst“. Dass eine Mutter ihr Kind, wie im Film dargestellt, negativ beeinflusst, kann durchaus Teil trennungsbedingter Dynamiken sein. Allerdings ist eine solch vorsätzliche („induzierte“) Entfremdung gemäß Studien selten und zudem vor Familiengerichten kaum beweisbar. Beziehungsdynamiken unterliegen meist einer großen Komplexität, denen das schwarz-weiße Entfremdungs-Narrativ in keiner Weise gerecht wird. Der Komplexität solcher Falllagen sind allerdings die wenigsten Akteur:innen in Familiengerichtsverfahren gewachsen, weshalb gerne auf einfache Erklärungen und Schuldzuschreibungen wie „Bindungsintoleranz“ oder andere synonyme Begriffe für „entfremdendes Verhalten“ eines Elternteils zurückgegriffen wird. Der Vorwurf der „Entfremdung“ kann in Gerichten durch Hörensagen von Prozessbeteiligten übernommen werden und richtet sich allermeist gegen Mütter – und ohne, dass überhaupt einmal nachgeprüft wird, ob der Vorwurf überhaupt stimmt. Statistiken über das Vorliegen der „Eltern-Kind-Entfremdung“ werden in Väterrechtsnetzwerken erfunden und verbreitet, statistische Erhebungen über Kontaktabbrüche teils gezielt verzerrt dargestellt. So kursiert beispielsweise die Behauptung, dass, weil 85% aller Kinder in Deutschland überwiegend bei der Mutter leben, die Ursache dafür immer bei den Müttern läge, weil diese den Vätern die Kinder vorenthielten. Mitarbeiter:innen von Jugendämtern wurden gezielt mit dem Film „Weil du mir gehörst“ in großen Kampagnen fortgebildet. Die negative, misogyne Sichtweise auf Mütter, die auf diese Weise reproduziert und forciert wird, kann Müttern und damit Kindern vor Gerichten extrem schaden.  

Um der „Entfremdung“ des Kindes vom Vater entgegenzuwirken, wird die Forderung erhoben, die Macht, die die Mutter angeblich über das Kind hat, durch ausgeweitete Umgänge mit dem Vater zu verkleinern und dadurch der (gefühlten) Ungerechtigkeit gegenüber dem Vater entgegenzuwirken.

Ein weiteres, häufig anzutreffendes Narrativ ist die Behauptung, dass sexueller Missbrauch von Frauen meist erfunden werde, um sich Vorteile im familiengerichtlichen Verfahren zu verschaffen. Die tatsächliche Falschbeschuldigungsrate sei wesentlich höher, als gemeinhin bekannt.  Laut Bundeskriminalamt gelangt allerdings nur jeder 15. bis 20. Missbrauch überhaupt zur Anzeige – auch hier werden Statistiken nachweisbar verzerrt und fehlinterpretiert.

Betroffenen der MIA begegnet bisweilen auch das Narrativ, dass eine „richtige Familie“ nur aus genetischem Vater, aus biologischer Mutter und Kind(ern) bestehen dürfe. Stieffamilien oder Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern werden manchmal nicht als richtige Familien wahrgenommen, Alleinerziehende und deren Kinder gelten oft per se als defizitär.

Die heilige Familie und ihr „natürliches Recht“

Der Maskulist und Väterrechtsaktivist Franzjörg Krieg, dessen Ehefrau Angela Hoffmeyer als Generalsekretärin des „International Council on Shared Parenting“ das Lobbying für das Wechselmodell international koordinierte, hat das ultrarechtskonservative Familienbild der Stiftung Novae-Terrae (Italien) für den Verein Väteraufbruch für Kinder (VafK) übernommen. Demnach sei Elternschaft die Verantwortungsübernahme der genetisch-biologischen Eltern für ihr Kind, und Elternverantwortung das “natürliche Recht der Eltern“ auf gemeinsame Verantwortung. Der Begriff des „natürlichen Rechts“ wird hier von Krieg bzw. dem VafK  in einer doppelten Bedeutungs-Dimension verwendet: Er zielt nicht nur auf die Formulierung in Art. 6 (2) des deutschen Grundgesetzes ab, sondern zugleich auf das fundamentalchristliche Bild der „natürlichen Ordnung“, die  ausschließlich als patriarchale Kleinfamilie aus (genetischem) Vater, Mutter, Kind definiert wird.  Das ideologische Ziel von Novae Terrae unter Leitung von Luca Volonte ist die „Wiederherstellung der genetischen Familie“. Das wurde in die Programmatik des Väteraufbruchs aufgenommen.

Das internationale Netzwerk, zu dem die Stiftung Novae Terrae zählt, umfasst u.a. das Dignitatas Humanae Institute (Vorsitzender: Luca Volonte) und das Ioana Institute (Irland), ist Partner von ECLJ, Hatze Oir, The Heritage Foundation, Fondation Jerome Lejeune, der Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung von Christen und arbeitet mit CitizenGo zusammen, um Petitionen und das Fundraising deds Netzwerks zu organisieren.

Unter dem Begriff „Elternschaft“ wird aufgrund dieses ideologischen Hintergrundes die Verantwortungsübernahme der leiblichen Eltern als Grundlage der genetischen Identität des Kindes verstanden:

„Unter Elternverantwortung verstehen wir das grundsätzlich unantastbare natürliche Recht der Eltern auf die Übernahme von gemeinschaftlicher Verantwortung für das Kind (für die leibliche und seelische Entwicklung des Kindes) und die rechtliche Vertretung nach außen.“

Aus dieser Definition von Elternschaft und Familie wird die Definition von „Familienleben“ als „gelebte Zeit der genetischen Eltern mit ihrem Kind“ abgeleitet. 

Das bedeutet: Eltern hätten das Recht auf gleichmäßig verteilte Zeit mit dem Kind für die Ausgestaltung der Beziehung. 

Das führt zwangsläufig zum paritätischen Wechselmodell per Staatsvorgabe wie auch zu der Forderung, dass Umzüge selbst im Inland strafrechtlich geächtet werden müssten, so dass Trennungseltern generell nicht mehr wegziehen dürfen; dass „Entfremdung“ bzw. „Umgangsvereitelung“  strafbar sein und dass die Doppelresidenz als „bestes Betreuungsmodell“  nach der Trennung implementiert werden müsse.  

Die Narrative, die Krieg im „Väterexpress“, einer Publikation des VafK, verwendet, entsprechen der Kommunikationsstrategie der fundamentalchristlichen Agenda Europe, bestehende (Menschen-)Rechte inhaltlich im ultrakonservativen Sinne umzudeuten, wie aus der Studie von Neil Datta ersichtlich wird:

https://www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/Fachpublikationen/Agenda_Europe.pdf Kap. 5 ab S. 21

Wechselmodell-Studien und was sie nicht aussagen

Der Kommunikationsstrategie fundamentalchristlicher Akteure folgend wird dann behauptet, dass das Wechselmodell die beste und gesündeste Betreuungsform für Kinder seii, völlig unabhängig von sämtlichen anderen Variablen. Das wurde seit 2013 mit plötzlich zahlreich publizierten „Wechselmodell-Studien“ versucht zu untermauern. Die Behauptung, dass das Kindeswohl kausal von der Wohnform abhänge und das Wechselmodell das Beste für Kinder sei, konnte bisher keine einzige Studie belegen.

In unserer Initiative gibt es Ein-Eltern- und Patchwork-Familien, in denen ein Kind im Wechselmodell lebt, dessen Halbgeschwisterkind jedoch immer fest bei der Mutter/der Familie wohnt.  Es gibt Konstellationen, in denen schwere Partnerschaftsgewalt vorgefallen ist. Eine gemeinsame Ebene miteinander ist dann unmöglich. Dennoch werden gewaltbetroffene Mütter von Gerichten und Jugendämtern unter Drohungen wie, das Sorgerecht zu verlieren, zur Kooperation mit dem Täter gezwungen. Auch in Gewaltfällen, auch bei Hochkonflikt, so die Behauptung, sei das Wechselmodell das „gesündeste“ Betreuungsmodell. Für diese Behauptungen gibt es keinerlei seriöse, wissenschaftliche Belege.

Prof. Maurice Berger, Kinderpsychiater, ehem. außerordentlicher Professor für Kinderpsychopathologie an der Universität Lyon 2, ehem. Leiter der Abteilung für Kinderpsychiatrie an der CHU von Saint Etienne und Mitglied mehrerer ministerieller Kommissionen zum Thema Kinderschutz in Frankreich, hat sich mit den Wechselmodell-Studien befasst, als diese auf EU-Ebene diskutiert wurden.  Er versuchte, mit der Europäischen Kommission zu kommunizieren, weil er falsch zitiert wurde und die wichtige, methodisch sehr strenge Studie von McIntosh über die Risiken des Wechselmodells in konflikthaften Trennungsfamilien in der Lobbyarbeit auf Europaebene keine Erwähnung fand (mehr Information darüber: https://docplayer.org/119680438-Impressum-herausgeberin-kommunikationszentrum-fuer-frauen-zur-arbeits-und-lebenssituation-e-v-baaderstr-30-muenchen-tel.html). Berger schreibt, dass er auf seine Eingabe keine Antwort erhielt.

Bei der Sichtung der Wechselmodellstudien, die durch die Lobbyakteure im Umlauf waren oder von einzelnen Familienrichtern in ihren Beschlüssen zitiert wurden, sind uns z.T. massive Mängel aufgefallen.

Die Narrative über die angeblichen Befunde der seit 2013 erschienenen Wechselmodell-Studien wurden durch PR über Medien und auf Fachveranstaltungen weit verbreitet. Auch dabei fielen immer wieder Fehler auf. So erwähnte in einem Interview mit dem DLF Prof. Hildegund Sünderhauf eine „Cortisolstudie“, die belege, dass es Kindern im Wechselmodell besser gehe. Auf Nachfrage bei dem benannten Studienautor Jani Turnunen (2015) von der Stockholm University gab dieser an, dass er nie jemals eine Cortisolstudie durchgeführt hätte. Er verwies auf eine andere Studie von Fachkolleg:innen (Fransson et al.), die jedoch nur eine sehr kleine Kohorte betrachtet hatte. Ein Vergleich zu Cortisolwerten von Residenzmodellkindern hat nie stattgefunden,  da es gar keine Vergleichsgruppe (Kinder im Residenzmodell) gab.

In Deutschland gibt es eine teils sehr emotional geführte Debatte darüber, was die verfügbaren Studien über die psychischen Folgen des Wechselmodells tatsächlich aussagen. Ergebnis der wissenschaftlichen Debatte ist, dass die Daten der Studien, die für das Wechselmodell sprechen, überwiegend von einer positiv selbstselektierten Gruppe stammen. Diejenigen Familien, die sich freiwillig für die Teilnahme an Befragungen melden, leben das Modell meist freiwillig, die Eltern haben kaum Konflikte miteinander und einen hohen sozioökonomischen Status.  Die Ergebnisse aus diesen Befragungen wurden jedoch dazu verwendet, um im Lobbying eine gesetzliche Vorschrift für das Wechselmodell zu rechtfertigen, die sich an Familien richtet, bei denen all diese Kriterien gar nicht zutreffen, sondern im Gegenteil sich aufgrund schwerer anhaltender Konflikte nicht einigen können.  Prof. Anja Steinbach stellt fest: „Diese positiv selbstselektierte Gruppe stand nun aber im Fokus der meisten existierenden Studien, auf deren Basis im Moment Aussagen verallgemeinert werden.“  (Steinbach 2020)

Leider gelangen bis heute falsche Narrative in Ausbildungcurriculae, z.B. auf Ausbildungsfolien für Verfahrensbeistände beim Weinsberger Forum. Dort wird behauptet, dass Kinder im Wechselmodell generell gesünder und zufriedener mit ihrer familiären Lebenssituation seien als Kinder im Residenzmodell.  

Erzwungenes Wechselmodell und seine Folgen in der Praxis

In unserem Verein gibt es viele Mütter, die vom gerichtlich angeordneten oder anderweitig erzwungenen Wechselmodell betroffen sind. Das Wechselmodell wirkt in den Familien dieser Mütter nicht als Entlastung, sondern aufgrund des Stresses und der oftmals sehr komplexen Konflikte als starke zusätzliche Belastung.

Das Narrativ, das Wechselmodell sei ein gleichstellungspolitisches Instrument, ist aufgrund der Erfahrungen Betroffener nicht haltbar. Das ideologische Ziel des Wechselmodells war ursprünglich nicht, Mütter zu entlasten, sondern Scheidungen bzw. Trennungen vom Mann zu erschweren. In Italien haben sich in den letzten Jahren viele Initiativen gebildet, die auf das falsche Narrativ aufmerksam machen.

Mütter, vor allem, wenn sie mehrere Kinder haben, erwirtschaften in der Regel nur einen Bruchteil des Lebenserwerbseinkommens, das Väter im Laufe des Lebens verdienen (Bertelsmann 2020). Das Wechselmodell hindert Mütter daran, einen besser bezahlten Job annehmen zu können, wenn sie dafür z.B. umziehen müssen oder die Arbeitszeiten nicht zu den Wechselzeiten der Kinder passen. Sie bleiben folglich oft in geringer bezahlten Stellen gefangen und rutschen später in die Altersarmut, da sie sowohl zeitlich als auch örtlich an den Vater und dessen Wohnort gekettet sind.

Gerichtlich festgelegte Umgangszeiten verhindern Flexibilität – auch beruflich. Das kann bedeuten, dass Mütter u.U. genau in der Zeit, die ihnen gerichtlich für die Betreuung ihres Kindes zugstanden wurde, arbeiten müssen, und dass das Kind genau dann beim Vater ist, wenn sie aufgrund bestimmter Bedingungen des Arbeitgebers nicht arbeiten können.  Das Wechselmodell bringt bei unflexiblen Arbeitszeiten weder der Mutter noch dem Kind Erleichterungen, sondern kann den Alltag enorm verkomplizieren.

Carearbeit und Mental Load bleiben auch im Wechselmodell überwiegend Frauensache.  Die Betreuung der Kinder wird im Haushalt des Vaters oft von anderen Frauen übernommen: von der Mutter des Vaters, der neuen Partnerin des Vaters, von Freundinnen des Vaters oder von Nannys.  Wenn der Vater vor der Trennung gewohnt war, der „Spaßpapa“ zu sein, setzt sich dies im Wechselmodell oft fort und erschwert die Erziehung für die Mutter in der Zeit, in der das Kind bei ihr ist.

Carearbeit und erzieherische Aufgaben sind im Wechselmodell äußerst zeitaufwendig, aufreibend, mit vielen Frustrationen und Spannungen verbunden. Häufig kommt es in Konstellationen mit großen Spannungen vor, dass ein Elternteil die Erziehung des anderen untergräbt und Kinder in der Folge die Eltern gegeneinander ausspielen.

Werden Stieffamilien gegründet, wenn bereits ein Wechselmodell mit einem Kind besteht, kann das Leben in der Stieffamilie sehr belastend und kompliziert werden. Der Alltag der Stieffamilie hat sich dann dem Wechselrhythmus komplett unterzuordnen, was ebenfalls zu großen Spannungen führen kann. Interessanterweise gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen darüber, wie es Wechselmodell-Kindern geht, wenn z.B. ein Geschwisterkind dauerhaft an einem Ort wohnt und die anderen Geschwisterkinder pendeln müssen.

Der Forschungsstand über Gelingensbedingungen des Wechselmodells ist insgesamt mehr als rudimentär.

Internationales Netzwerk

2013 waren bei einer Lobbyveranstaltung im Europaparlament Akteure vertreten, die nicht nur versuchen, in ganz Europa eine Wechselmodellgesetzgebung voranzutreiben, sondern die auch der Anti-Gender-Bewegung angehören.

Zum Netzwerk des Väteraufbruchs gehören u.a.:

  • Ioannis Paparigopoulos:  Seine Schwester war in Athen in der Kommission, die das neue Wechselmodellgesetz für Griechenland ausgearbeitet hat.
  • Anton Pototschnig, Obmann der Plattform doppelresidenz.at.  Er war Projektpartner der Projektgruppe Doppelresidenz des Väteraufbruchs für Kinder (Deutschland) und auf mehreren Veranstaltungen des Väteraufbruchs anwesend.
  • Hans-Christian Prestien, ein ehemaliger Familienrichter aus Brandenburg, der zur Zeit in der Coronaleugner-Szene ganz aktiv ist und im Rahmen des „Netzwerks kritischer Richter und Staatsanwälte“ zum Kern der deutschen Coronaleugner – und Verschwörungstheoretikerpartei „Die Basis“ gehört.  
  • die Juristin Prof. Hildegund Sünderhauf
  • der ital. Senator Simone Pillon (Lega)
  • der Kinderarzt und PAS–Lobbyist Vittorio Vezzetti
  • Ned Holstein, Gründer und Chairman der National Parents Organisation aus den USA, ehemals „Fathers for Families“.

Das intensive Lobbying für das Wechselmodell begann in Deutschland 2012 mit der Gründung der „Projektgruppe Doppelresidenz“ des Väteraufbruchs für Kinder. 

Pototschnig nennt sich selbst Projektpartner der Projektgruppe Doppelresidenz des  Väteraufbruchs für Kinder, ist seit 2010 Mitglied der Arbeitsgruppe  „Obsorge und Besuch“ des österreichischen Bundesministeriums für Justiz und in der derzeitigen Arbeitsgruppe im österreichischen Justizministerium für das neue Kindschaftsrecht tätig, wie Frau Czak (FEMA) uns bestätigte.

Vittorio Vezetti gründete in Italien die Väterlobbyorganisation Colibri und verlegte den Sitz seiner Denkfabrik nach Brüssel, um schnelleren Zugriff auf europäische Institutionen zu bekommen. Der Politikberater von Colibri, der Lega-Politiker Simone Pillon, saß im Kuratorium der Stiftung Novae Terrae, quasi einem italienischen Zweig von CitizenGo.

Seine Aufgabe war es, die Verbindung des Netzwerks zu Parlamenten und zur Europapolitik herzustellen. Es bestehen Kontakte zu Brian Brown, dem Vorsitzenden des rechtspopulistischen Weltkongresses der Familien, einem großen Netz der religiösen Rechten, das weltweit agiert. Simone Pillon war im März 2019 der Cheforganisator des rechtspopulistischen World Congress of Families in Verona.

Durch dieses Netzwerk wurden ab 2013 die sogenannten „Wechselmodellstudien“ lobbyiert. Nach den Lobbytreffen der Akteure 2013 im Europaparlament koordinierte Vezzetti über seinen Verein Colibri die Sammlung von Wechselmodellstudien mit positivem Ergebnis und stellte die Verbindung zum Europarat her.

Das von ihm gesammelte Material gab er als Buch im Selbstverlag heraus und ließ es in einer Auflage von über 20.000 Exemplaren drucken.  Diese nahm er im Oktober 2013 nach Straßburg zur EU mit, wo er seine Wechselmodell-Vorstellung u.a. mit Prof. Sünderhauf, einer deutschen Juristin, Simone Pillon sowie mit Unterstützung der stv. Präsidentin des Europaparlaments, Christdemokratin und ehem. Vorsitzenden der Jugendorganisation der neofaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano, Roberta Angelilli, vorstellte.      

Der nächste Schritt war die Resolution 2079 (2015) des Europarates im Dezember 2015.   Hier konnte Vittorio Vezetti laut seiner Internetseite Françoise Hetto-Gaasch, damalige Gleichstellungsministerin in Luxemburg, als Initiatorin gewinnen. Sie brachte daraufhin den Antrag für die Resolution zur Gleichstellung der Geschlechter/Väter in der Betreuung der Kinder ein. Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat am 02.10.2015 die Resolution mit 48 Stimmen verabschiedet. Den Mitgliedsstaaten wird darin empfohlen, die Doppelresidenz als bevorzugtes anzunehmendes Modell gesetzlich zu verankern.

In Italien versuchten die rechtspopulistische Partei Lega und andere konservative Kräfte, Ehescheidungen maximal zu erschweren.  Simone Pillon (Lega) war u.a. mit Vittorio Vezzetti Autor des Gesetzesentwurfs DDL 735 der Lega im Jahre 2018 unter Minister Salvini, der heftige Proteste von Frauenrechtlerinnen in Italien provozierte.  

Pillon selbst arbeitet als auf Familienmediation spezialisierter Anwalt.  Das Ziel des Gesetzes, dessen Entwurf sich letztlich nicht durchsetzen konnte, war, Scheidungen für Frauen so schwer wie möglich machen, um die genetische Familie zu stärken.  Pillon: „Das einzige, was funktioniert, ist ein Mann und eine Frau, die sich lieben“.    

Inhalt des Gesetzentwurfs war eine verpflichtende, kostenintensive Familienberatung bei bezahlten Coachs, auch wenn Gewalt vorgefallen war.  In der Beratung sollte ein „Erziehungsplan“ erstellt werden. Der Entwurf enthielt die Forderung, dass die Zeit zwischen den Eltern genau aufgeteilt werden musste – mindestens 10 Tage sollten jedem Elternteil pro Monat zugestanden werden. Mit dem Entwurf verbunden war neben dem Mediationszwang auch eine Unterhaltsrechtsreform, durch die der Kindesunterhalt weitgehend entfallen sollte.

Die „Europäische Stabilitätsinitiative“ hat einige Geldflüsse des Netzwerks rekonstruieren können. Über den italienischen Abgeordnetem Luca Volonte, laut Neil Datta (EFP) einer der Hauptakteure innerhalb der Agenda Europe, flossen aus Aserbaidschan Gelder an Parlamentarier des Europarates. Es konnte nachgewiesen werden, dass im Zuge der Korruptionsaffäre im Europarat von Dezember 2012 bis Dezember 2014 Geld in Höhe von 2,390,000 Euro an die Stiftung Novae Terrae von Luca Volunte überwiesen wurden, um eine gegen die Interessen der aserbaidschanischen Regierung gerichtete Resolution im Europarat zu verhindern. 

Zusammenfassung

„Die Stiftung Novae Terrae verpflichtet sich, die nach dem Naturgesetz konzipierten Menschenrechte zu verteidigen und die Ausweitung der im Wesentlichen unmenschlichen „unersättlichen Rechte“ (= Recht auf Abtreibung, Recht auf Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare) zu kontrollieren.“

Patriarchale Forderungen, die sich aus den Narrativen ergeben:

  • Mitbestimmungsrecht des Vaters bei Abtreibungen, falls dieses notwendig sein sollte;
  • Automatisches Sorgerecht für Väter ab Geburt, pränatale Vaterschaftstests;  
  • Erschwerung von Scheidungen;
  • möglichst 50/50 – Aufteilung der Kinder nach Trennung und Scheidung;
  • Aufweichen des Gewaltschutzes bis hin zur Legalisierung innerfamiliären sexuellen Kindesmissbrauchs. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass Vezzetti  beim ersten Treffen im Europaparlament 2013 seinen Vortrag u.a. über Robert Bauserman hielt. Bauserman  war einer der ersten Autoren, die eine Metastudie (2002) zur Kindeswohldienlichkeit des Wechselmodells publizierten. Die Studie enthält Behauptungen, dass Kinder im Wechselmodell weniger Verhaltensauffälligkeiten und bessere Schulleistungen zeigen als Kinder im Residenzmodell, dass das Alter der Kinder nicht signifikant sei, dass eine mittlere Umgangsfrequenz die meisten Konflikte erzeuge, dass entweder gar kein Umgang oder das Wechselmodell die besten Lösungen für Kinder hochstrittiger Eltern seien. Bauserman hatte noch vier Jahre zuvor über sexuellen Missbrauch von Kindern publiziert und infrage gestellt, ob „freiwillige“ sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern überhaupt schädlich seien.
  • Aufweichung des Verfahrensrechts und der Rollen der an familienrechtlichen Verfahren beteiligten Professionen;
  • Eindringen von Elementen der Mediation in familiengerichtliche Verfahren, auch bei Gewalt (Aushöhlen von Rechtsstaatlichkeit)
  • Zwang zur Mediation unter Androhung von Verlust des Sorgerechts, sollte man sich nicht „einigen“ können;
  • Stärkung des „systemischen“ und „lösungsorientierten“ Ansatzes. Das Ziel ist, darüber die („heilige“) genetische Familie als „System“ nach Trennung  zu erhalten, selbst wenn (schwere) Gewalt vorgefallen ist;      
  • Schwächung der rechtlichen Lage der Stieffamilie;
  • Inkludieren von „Entfremdung“ (Parental Alienation) im Strafrecht und in Gesetzen über häusliche Gewalt. 

Die patriarchalen Forderungen und ihre Narrative, die den Betroffenen im Gerichtssaal begegnen, sind als antifeministischer Backlash allenthalben spürbar:

Das Wechselmodell, die pseudowissenschaftlichen Vorwürfe „PAS“/“Entfremdung“ oder „Symbiotische Mutter-Kind-Beziehung“, der (nahezu immer unbewiesene) Vorwurf von „Bindungsintoleranz“ lässt sich schwer skalieren, wird aber ständig verwendet.  Der Einigungszwang im familiengerichtlichen Verfahren bedeutet in Gewaltfällen die Aushebelung des Gewaltschutzes und der Istanbul-Konvention durch das Kindschaftsrecht.

Wechselmodell und „Entfremdungs“-Vorwurf  sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Diese führen regelmäßig dazu, dass auch der Kinderschutz in familien-gerichtlichen Verfahren ausgehebelt wird und das Kindeswohl insgesamt immer weniger Beachtung findet.

Trennung von einem Narzissten bei einem gemeinsamen Kind

Wenn man mit einem Menschen eine Familie gegründet hat, der eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat und sich trennen möchte, braucht man sehr starke Nerven. Ein Narzisst will nicht verlassen werden. Er hat eine sehr hohe Meinung von seinem Wert und seinem Status und wenig Sinn für alles Gemeinschaftliche. Er wird alles versprechen, damit Du es Dir anders überlegst. Er könnte eine Therapie vorschlagen, Versprechungen machen oder der Dir drohen, Dich stalken und Dich klein machen. Aber nicht, weil er Dich oder die Familie liebt, sondern um nicht verlassen zu werden, denn das entspricht nicht seiner Wertevorstellung von sich selbst.

Sich gütlich zu trennen ist fast aussichtslos, denn ein Narzisst ist nicht empathisch, sondern ausschließlich an Kontrolle und Bewunderung interessiert. Um Macht zu erlangen, ist ihm jedes Mittel recht, ungeachtet jeder Konsequenz. Er wird sich nicht für Dich ändern und Du kannst ihn nicht dazu bringen. Narzissmus ist keine schlechte Angewohnheit, sondern in der Persönlichkeit verankert, man nimmt an, genetisch bedingt.

Sich aus der narzisstischen Manipulation zu befreien, ist ein enormer Kraftakt. Sind Kinder im Spiel, ist es eine wahre Herausforderung, denn neben der Befreiung, möchte man seine Kinder schützen, damit sie die Trennung heil überstehen.

Diese Tipps helfen bei der Trennung:

Kümmere Dich um Dich selbst!

Es klingt falsch, aber das Beste ist, sich zunächst um sich selbst zu kümmern, denn nur eine ausgeglichene und stabile Mama kann die Bedürfnisse des Kindes sehen, spüren und erfüllen. Lerne, Dich nicht aus der Reserve locken zu lassen. Es ist wichtig, einen guten Kontakt zum Kind zu haben und das geht am besten ohne Stress.

Wie ist die Sicht des Kindes?

Das Kind befindet sich in einem Konflikt, denn es möchte unbedingt von beiden Elternteilen geliebt werden, spürt aber natürlich, dass der narzisstische Elternteil dazu nicht voll umfänglich in der Lage ist. Das weckt die Sehnsucht danach umso mehr. Es blutet Dir sicherlich das Herz, mitanzusehen, wie sehr Dein Kind um die Liebe kämpft, die es verdient hat und zu beobachten, wie wenig sie es  bekommt. Der Wunsch kann nicht aus der Welt geschafft werden, aber Du kannst Dein Kind stabilisieren.

Du unterstützt Dein Kind am besten, wenn Du liebevoll darauf reagierst, es unterstützt und für es da bist. Hole auch andere ins Boot, ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein Dorf!“. Suche Dir Menschen, die Euch gernhaben, baue Dir ein Netzwerk auf, gestalte aktiv Freundschaften – auch für Dein Kind. Bitte um Hilfe, wenn Du fertig oder überfordert bist.

Supervater oder abgewandt

Narzisstische Väter machen während der Trennungsphase oft eins dieser beiden Dinge: Entweder sie drehen völlig auf und sind plötzlich großzügig mit Geschenken, TV-Konsum, Aufbleiben und Süßigkeiten. Sie setzen kaum Grenzen und verbringen Zeit mit ihrem Nachwuchs wie nie zuvor.

Man könnte ausrasten, weil das natürlich alles unecht ist und völlig dem entgegensteht, was Du Dir für Dein Kind als gesunden Alltag wünschst.

Oder sie haben schlicht keine Lust auf ihr Kind und spannen ihre Eltern, die neue Freundin etc. ein oder stehen nicht verlässlich zur Verfügung, weil sie eigentlich gar nichts mit dem Kind anzufangen wissen.

Egal, was er macht, bleibe gelassen und versuche, für das Kind auszugleichen und Dich weiterhin an Deine Erziehungsgrundwerte zu halten. Falls Dein Kind sich auffällig verhält (zu angepasst, zurückgezogen, still oder nicht zu bändigen ist, etc.), scheue Dich nicht, professionelle Hilfe für Dein Kind zu organisieren. Meist weiß der Kinderarzt gute Adressen.

Kinderbetreuung als Machtmittel

Während einer Trennung bringen Narzissten oft plötzlich geteilte Kinderbetreuung auf den Plan. Angeblich möchten sie sich die Hälfte der Zeit ums Kind kümmern. Das kommt oft überraschend, denn bisher war davon keine Rede und der Alltag klar aufgeteilt, denn die Mutter übernimmt den Löwenanteil an der Kinderbetreuung.

Atme durch und hole Dir Hilfe. Bei dieser Äußerung geht es ausschließlich um Macht. Der narzisstische Vater hat weder Kapazität noch Lust, es geht ausschließlich darum, zu drohen und Macht auszuüben. Die sogenannte „Doppelresidenz“, also die Lebensweise, in welcher das Kind seine Zeit jeweils zur Hälfte bei einem Elternteil verbringt, wird nicht alleine vom Vater entschieden. Da es nur empfehlenswert ist, wenn die Eltern gut miteinander verhandeln können, landen diese Entscheidungen im Streitfall bei Gericht und dort wird dann zum Wohle des Kindes und nicht zum Wohle einer narzisstischen Persönlichkeit entschieden.

Teenager

Narzissten erzielen oft mehr Wirkung mit ihren Bestechungsversuchen, wenn die Kinder älter oder in der Pubertät sind. Die Kinder lassen sich dann leichter verführen, denn sie wollen sich abgrenzen. Oft macht der ehemalige Partner die Mutter auch noch schlecht.

Man kann wenig dagegen tun, während es passiert, denn die Kinder können selbst entscheiden. Aber: Ein gutes Verhältnis mit klaren Regeln und Prinzipien, auf die Verlass ist, geben dem Jugendlichen Sicherheit. Selbst wenn es in der Pubertät verführt ist von Reisen, Konsolen, Freiraum und Co., wird er langfristig nicht ins Wanken kommen. Versuche, ruhig zu bleiben, höre Deinem jugendlichen Kind aufmerksam zu, bleibe zugewandt, sei großzügig in Hinblick auf Emotionen und versuche nicht, dich auf den Wettkampf „Wer bietet mehr?“ einzulassen.

Die Kinder brauchen in dieser Zeit Freiraum, Liebe und Offenheit. Kümmere Dich gut um Dich!

Agieren statt Reagieren

Der narzisstische Ex fühlt sich angestachelt durch jeden erfolgreichen Versuch, Dich aus der Reserve zu locken. Es ist wahnsinnig schwer, aber versuche, nicht auf seine Angriffe und Machtspiele zu reagieren. Das meiste ist nur Drohgebärde und natürlich kennt er Dich und weiß, wo er ansetzen muss. Ohne Reaktion wird seine Lust, Macht zu demonstrieren, kleiner und schließlich wird sie schwinden. Ein Narzisst kann keine Bindung aufbauen, außer zu sich selbst. Er liebt ausschließlich das Gefühl, angebetet zu werden und will Kontrolle. Er wird sich weder Kritik zu Herzen nehmen, noch irgendetwas zu Gunsten der Ex oder seiner Kinder machen. Es geht ausschließlich um ihn selbst, deshalb ist eine faire Trennung nicht möglich, nur eine sehr Taktische.

Richte Deine Aufmerksamkeit nach innen. Lerne Deine Gefühle und Bedürfnisse kennen und setze Grenzen ohne ‚außer Dir‘ zu sein. Ein Narzisst kann nur mit Raffinesse aus dem Leben manövriert werden.

Diskutiere nicht mit ihm, bleibe klar aber nicht um jeden Preis konfrontativ. Manchmal bringt ein defensiver Ansatz mehr. Nicht zu reagieren und stattdessen bewusst zu agieren, ist nicht leicht, aber machbar. Wenn Dir das schwerfällt, ist ein Coaching manchmal hilfreich.

Kontakt: coachherberger@t-online.de, Tel. +49 1514 0004727

Die Autorin:

Claudia Herberger ist 50 Jahre alt und lebt mit ihrer sechsköpfigen Patchwork-Familie in Hamburg. Daran sieht man, dass sie mindestens eine Trennung hinter sich hat. Diese Ent-Paarung war eine wirkliche Herausforderung für sie, denn sie hatte alles zu bieten, was man sich auf gar keinen Fall wünscht. Claudia Herberger hat sich damals auf die Suche nach einer Art Anleitung gemacht, denn sie fühlte sich total überfordert und zerrissen vom eigenen Schmerz, der Wut und Ohnmacht und der Verantwortung gegenüber ihren eigenen Kindern. Letztlich hat sie es trotz einiger kleinerer Kollateralschäden mit viel Unterstützung von außen geschafft, alle heil durch die Trennung zu bringen. Natürlich hat auch die Patchwork-Situation einige Herausforderungen zu bieten, aber mit einem sehr achtsamen Miteinander und viel Raum für alle Emotionen hat sie die Situation gut gemeistert.

Beruflich hat sie einiges erlebt, ist seit 1995 in der Filmbranche und seit über zwanzig Jahren Filmproduzentin mit einem eigenen Unternehmen.

Ihre eigene Geschichte hat sie zur Arbeit von Bestsellerautorin und Therapeutin Katherine Woodward Thomas gebracht. Bei ihr ist Claudia Herberger seither in  Ausbildung und erlebt, wie wirkungsvoll und heilsam der Prozess für Menschen ist, die sich mit Verlusten auseinandersetzen, da der Ansatz selbstermächtigend ist. Dies gefällt ihr besonders gut.

Die Väterrechtsbewegung in Österreich:

zeitgemäßes Familienleben und pseudoegalitäre Machtdemonstrationen

Neuwirth, Karin: Die Väterrechtsbewegung in Österreich : zeitgemäßes Familienleben und pseudoegalitäre Machtdemonstrationen, in: L’ homme : Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, Jg. 25 (2014) Nr. 2, 129-137. DOI: https://doi.org/10.25595/1872.

Familienrechtliche Normen sind ein Bereich, in dem sich viele wegen konkreter Erfahrungen und emotionaler Betroffenheit als ExpertInnen sehen. Appelle, nicht den eigenen Fall als generelles Muster und allgemeine Wahrheit zu interpretieren, zeigen dabei kaum Wirkung. Die Erkenntnis, dass eine demokratische Rechtsordnung dem Interessenausgleich aller Rechtssubjekte dienen muss, bleibt in vielen subjektiven, egoistischen und pauschalisierenden Betrachtungen außen vor.1

Im Bereich des Kindschaftsrechts mündeten persönliche Unrechtsempfindungen (aber auch der Selbstdarstellungsdrang und die Uneinsichtigkeit Einzelner) in den letzten 25 Jahren nicht nur in Österreich in einer Väterrechtsbewegung, die einerseits kritische Auseinandersetzung mit Gesetzgebung und Justiz beförderte, andererseits JuristInnen und andere ExpertInnen der öffentlichen Häme aussetzte.2 Die österreichische Familienrechtsreform des Jahres 2013 könnte sowohl als Höhe- als auch Endpunkt dieser Vorgänge gesehen werden.3 Das mediale Interesse an den sogenannten Väterrechtlern hat jedenfalls seit Beschluss der Neuregelung klar nachgelassen, ebenso die Aktivitäten der verschiedenen Gruppierungen selbst.4 Auch der Sturm auf die Gerichte in Form von Obsorgeänderungsanträgen blieb aus.5 Der Frage, ob mittels der Rechtsreform die Interessen der Väterrechtsbewegung durchgesetzt wurden und diese daher als Teil eines anti- feministischen Diskurses zu sehen ist, möchte ich in diesem Beitrag nachgehen.6

Geschiedene oder getrennte Väter und ihre Unterhaltszahlungen

Männer, die sich nach einer Trennung weiterhin als ‚aktive Väter‘7 in das Leben ihrer Kinder einbringen wollten, gehörten Ende der 1980er Jahre zu den ersten Protagonisten der Väterbewegung. Sie erlebten sich und ihre Kinder als Opfer einer Justiz, die Frauen privilegierte, obwohl gleiche Rechte in Ehe und Familie normiert waren. So gab etwa der Verein „Aktion Recht des Kindes auf beide Eltern“ ab 1988 in Österreich eine Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Justizwaisen“ heraus, um zu verdeutlichen, dass die Zuteilung der Alleinobsorge an einen Elternteil nach der Scheidung als justiziell herbeigeführte Schaffung von Halbwaisen interpretiert wurde.8 Die Weiterführung der Publikation erfolgte – bei teils gleichen AkteurInnen – durch den Verein „Dialog für Kinder Österreich“. Inhaltlich kam es durchaus zu einer gewissen Abgrenzung zum Vorläufer.9

Die Vorwürfe der Väter richteten sich nicht nur gegen die Mütter und die Jugendwohlfahrt. Sie wandten sich vor allem auch gegen einen Justizapparat, der nach der Einführung der Gleichberechtigung der Frau im Ehe- und Kindschaftsrecht Mitte der 1970er Jahre endlich berücksichtigte, dass Familienarbeit seit langem von Müttern geleistet wurde, die jedoch keinerlei rechtliche Entscheidungsmacht bezüglich ihrer Kin- der gehabt hatten. So endeten Scheidungen nunmehr im Regelfall mit der Alleinobsorge der Mutter und entsprechenden Unterhaltsansprüchen gegenüber dem Vater.10 Dies entsprach auch ökonomisch folgerichtig dem seit Jahrzehnten gelebten Modell des männlichen Haupternährers und der weiblichen Verantwortung für die Kinderbetreuung (bei maximal Teilzeitarbeit und damit Abhängigkeit vom Haupternährer). Dennoch nahmen sich unterhaltspflichtige Männer – insbesondere wenn sie eine weitere Ehe eingegangen waren oder eine neue Familie gegründet hatten – bezüglich der Erstfamilie als bloße ‚Zahlväter‘ (so der ursprünglich bemühte Terminus) oder als rechtlose ‚Bankomaten‘11 wahr. Noch heute will sich der Großteil der Männer zunächst als Familienernährer sehen und mahnt keine tatsächliche Teilung von Berufs- und Betreuungsarbeit ein.12 Dennoch sind es oft gerade diese Väter, die sich beklagen, wenn ihnen nach einer Trennung weiterhin Unterhaltsleistungen abverlangt werden oder sie dem „Anspannungsgrundsatz“13 unterliegen.

Der Unterhalt zwischen Geschiedenen wird im österreichischen Recht prinzipiell verschuldensabhängig (nur selten befristet verschuldensunabhängig) gewährt; einver- nehmliche Scheidungen enden oft mit gegenseitigem Unterhaltsverzicht und unverhei- ratete Paare haben ohnehin keinerlei gegenseitige Unterhaltsansprüche. Langwierige Streitigkeiten ergeben sich daher beinahe ausschließlich zum Kindesunterhalt: Mangels konkreter gesetzlicher Normierung entwickelte die Judikatur über Jahre hinweg Leitli- nien, was von der Väterbewegung oftmals als rechtswidrig kritisiert wird.14 Weiters leh- nen viele Unterhaltspflichtige die Sätze als zu hoch ab und verweigern jegliche Zahlun- gen oder reizen das System bis zum unvermeidlichen Exekutionsverfahren aus.15

2. Traditionelles Familienleben versus Gleichstellung

Die Arbeitswelt allerdings hält die geschlechtsspezifische Teilung von Voll- und Teilzeit- beschäftigung weitgehend aufrecht, Familien- und Sozialrecht ermöglichen und unter-

stützen dieses System.16 So kann auch nicht erwartet werden, dass es bei einer Trennung quasi zum Rollentausch kommt, das heißt, dass plötzlich Mütter arbeiten gehen, Un- terhalt leisten und die Kinder beim Vater beziehungsweise seiner neuen Familie blei- ben. Das funktioniert – unabhängig von den persönlichen Komponenten – in unserem derzeitigen Erwerbssystem schlichtweg nicht. Diese faktisch nicht erreichte materielle Gleichheit wird jedoch wiederum den Frauen, seltener dem Staat vorgeworfen.17 Vor- dergründig findet sich bei den Väterorganisationen die Forderung nach Geschlechter- gleichheit in allen Bereichen, im Detail tritt aber folgender Grundtenor zutage: Frauen würden während der Beziehung den ‚Luxus‘ des Zuhausebleibens und Kinderbetreuens leben, unverheirateten Frauen wird auch gerne ‚Kindesunterschiebung‘ und geschiede- nen Frauen ein bequemes Leben auf Kosten der Kindsväter unterstellt. In Unterhalts- beispielen wiederum verdient die Frau fast ausschließlich mehr als der Mann – real eine absolute Ausnahme. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Männer ihren Sta- tus als Besserverdiener nicht mehr auf ihre Kinder übertragen, sondern diese auf einen sogenannten Regelunterhalt setzen wollen. So werden Kinder zum ‚Schauobjekt‘ degra- diert, das offensichtlich nur dann ‚Luxus‘ sein soll, wenn Verfügungsmacht (das Obsor- gerecht) damit verbunden ist.18

Mittlerweile gehören zur Väterrechtsbewegung unterschiedlichste Interessengruppen und VertreterInnen aller politischen Richtungen: Der Großteil jener, die sich öffentlich für Väter- und Kinderrechte einsetzen, argumentiert mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau, dem Schutz der Kinder und ihrem Recht auf beide Eltern, aber auch mit der Bedeutung einer langen Mutter-Kind-Bindung und Vorbehalten gegenüber Kinderbetreuungseinrichtungen.19 Von einigen tönt der Ruf nach der klassischen

Familie mit einem männlichen Ernährer und einer von ihm abhängigen Frau als einziger Garantie für das Überleben unserer Kultur. Ordnet sich frau dann nicht mehr unter, wird sie auf die Fortschritte des Feminismus verwiesen und soll jegliche Unter- stützung verlieren. Es gibt auch jene, die in der mühsam theoretisch erreichten und praktisch ohnehin noch nicht verwirklichten Geschlechtergleichheit eine ‚Vorherrschaft des Feminismus‘ sehen und zum Ende des ‚Gender-Wahnsinns‘ aufrufen.20

3. Rechtsreform in Österreich und untaugliche Vergleiche mit der deutschen Rechtslage

Die Reformen des österreichischen Rechts wurden von einer vergleichbaren Debatte in der Bundesrepublik Deutschland begleitet, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte über Fälle aus beiden Ländern zu entscheiden. Er stellte jeweils eine Beeinträchtigung des Rechts auf Familienleben in Kombination mit der Verletzung des Diskriminierungsverbots fest, weil der nicht verheiratete Vater im Vergleich zur nicht verheirateten Mutter, aber auch im Vergleich zum geschiedenen beziehungsweise ge- trennten Vater (also dem ehemaligen Lebensgefährten) in unzulässiger Weise benachteiligt wurde.21 Sowohl das deutsche Bundesverfassungsgericht als auch der österreichische Verfassungsgerichtshof bestätigten im Anschluss an diese Entscheidungen eine gleichheitswidrige Bevorzugung der unehelichen Mütter. Das österreichische Kindschafts- und Namensrechts-Änderungsgesetz (KindNamRÄG) 2013 verfolgt nun zwar prinzipiell die Idee der Obsorge beider Elternteile, berücksichtigt jedoch Sonderkonstellationen wie eine Geburt außerhalb einer Ehe, biologische Vaterschaft ohne familiäre Beziehungen, gewalttätige oder sonst ungeeignete Elternteile. Die Alleinobsorge der nicht verheirateten Mutter unmittelbar nach der Geburt des Kindes wurde bestätigt, sie kann jedoch auf Antrag beseitigt werden.

Gemeinhin angestellte Vergleiche und die Verweise österreichischer Väterrechtsgruppen auf deutsche Regelungen oder Erfolge sind nur beschränkt richtig. Die beiden Rechtsordnungen gehen vielfach von anderen Prämissen aus: Das deutsche Ehescheidungsrecht kennt keine Schuldkomponenten mehr; ungelöste Paarkonflikte werden somit nicht implizit auf den Sorgestreit übertragen, was in Österreich noch feststellbar ist. Einvernehmliche Scheidungen werden hier oft aus Kostengründen gewählt, gegenseitige Vorwürfe damit allerdings nicht ausgeräumt. Das deutsche Sorgerecht setzt in weit höherem Maß auf die konkrete Zusammenarbeit der Elternteile und normiert Konfliktlösungsinstrumente von dritter Seite. Die österreichische Rechtsordnung kennt das Alleinvertretungsrecht jedes obsorgeberechtigten Elternteils, die Mitwirkung des anderen nur bei grundlegenden Angelegenheiten. Die Anordnung gemeinsamer Sorge gegen den Willen des anderen Elternteils beschränkt sich in Deutschland auf eine negative Kindeswohlprüfung, das heißt, nur das Vorbringen konkreter Gefährdung verhindert den entsprechenden Sorgeentscheid.22 Nach österreichischem Recht hingegen erfolgt eine Obsorge beider Elternteile nur, wenn ein Vorteil für das Kindeswohl zu erwarten ist.23 Zur Klärung kann eine Phase der vorläufigen gemeinsamen elterlichen Verantwortung angeordnet werden. Nur wenn diese gelingt, macht das rechtliche Institut der Obsorge beider auch tatsächlich Sinn.

4. Der Streit um den Gewaltbegriff als Machtdemonstration

Von vielen ProponentInnen der Väterbewegung wird ein unter allen Umständen auf- recht erhaltener Umgang eines Kindes mit seinem leiblichen Elternteil als jedenfalls förderlich für die Kindesentwicklung beurteilt. Diesem Argument haben die neuen gesetzlichen Regelungen einen klaren Riegel vorgeschoben. Gewalt und auch das Miterleben von Gewalt am anderen Elternteil oder anderen nahestehenden Personen widerspricht jedenfalls dem Kindeswohl, und Kontaktabbrüche bringen nicht in jedem Fall Leid für die betroffenen Kinder.24 Dennoch bleibt PAS (Parental Alienation Syndrom) ein von Väterrechtsgruppen viel zitiertes ‚Krankheitsbild‘.25 Die Verhinderung von Kontakten, die Entziehung und die damit heraufbeschworene Entfremdung des Kindes werden weiterhin als krankmachender Kindesmissbrauch tituliert. Diesen ‚Missbrauch‘ begingen mehrheitlich jene Mütter, die nach eigenen Gewalterfahrungen alles daran setzen, den Kontakt zwischen gewalttätigen Männern und Kindern zu verhindern. Und auch jene Mütter, die nach langen, vergeblichen Versuchen einer verlässlichen Kontaktausübung deren Einschränkung durchsetzen, würden so plötzlich zu ‚Gewalttäterinnen‘.

Auch hier hat der Gesetzgeber – teilweise schon vor der Rechtsreform 2013 – klare Vorgaben und zahlreiche Möglichkeiten wie Kinderbeistand, Besuchsbegleitung, BesuchsmittlerInnen geschaffen.26 Die Behauptung, dass aufgrund von PAS familiäre Gewalt eigentlich kein Männer-, sondern ein Frauenphänomen darstelle, das in feministischer Verblendung weder von der breiten Öffentlichkeit noch von der Justiz wahrgenommen würde, ist geradezu absurd. Der Großteil der psychologischen und juristischen ExpertInnen im Bereich des Familienrechts lehnt diese Sicht klar und dezidiert ab. Einzelne im Sinne der Väterbewegung argumentierende AutorInnen schüren hier gefährliche Trugbilder, die in scheinbar gerechtfertigten Gegenaktionen und tatsächlichen Gewalttaten münden können! Dieser Punkt wird auch weiterhin Agitationsfeld einzelner Väterrechtler bleiben, weil das Gewaltargument durch die Neuregelung grundsätzlich große Bedeutung – im Sinn der Abwehr von Obsorgeforderungen – er- halten hat und nun zu einem Bollwerk gegen Mütter gemacht werden soll.

5. Resümee

Die familienrechtlichen Reformen des Jahres 2013 haben in Österreich zu wesentlichen Neuerungen im Obsorgebereich geführt, die jedoch weniger als Erfolg einer Väterbewegung, denn als logische, internationalen Standards folgende Umsetzung von Gleichheitsrechten (sowohl von Kindern als auch Elternteilen) zu beurteilen sind. Allen RechtsanwenderInnen stehen meiner Meinung nach gut nutzbare, für einen praktikablen Interessenausgleich taugliche gesetzliche Regelungen zur Verfügung. Die medial sensationswillig aufbereitete Berichterstattung zu Forderungen von Vätergruppen führte jedoch klar einen Aspekt vor Augen, der auch in Zukunft von großer Bedeutung sein wird: Das Gleichheitsargument kann frauenfeindlich und antifeministisch benutzt werden, wenn – ohne entsprechende juristische Klarstellung – faktische (materielle) Ungleichheiten ignoriert werden. Ebenso wird der Streit um die Definitionsmacht von familiärer Gewalt weiterhin ein kritisches Element bleiben. Einzelne Väterrechtler, die in ExpertInnengutachten nicht ihre eigene Meinung bestätigt finden, werden weiterhin mit Pauschalvorwürfen reagieren und ein frauenfeindliches und die Justiz verunglimpfendes Bild zeichnen, welches allfällig sinnvolle Kritik überdeckt.

  1. Insbesondere fließen die Internetauftritte folgender Vereine in meine Argumentation ein: Verein Dia- log für Kinder: http://www.dialogfuerkinder.at/; Verein Kindergefühle: http://www.kindergefuehle. at/vaeterplattform/; Verein Väter ohne Rechte: http://www.vaeter-ohne-rechte.at/; Verein Vaterver- bot: http://www.vaterverbot.at/; Zugriff für alle Seiten – falls nicht gesondert ausgewiesen – 17.4.2014. Bezeichnend das Zitat „Der Souverän, der nächste Bürger wendet sich wieder direkt an die Öffentlichkeit.“ als Einleitung zu einem Interview mit einem Vater, unter http://www.kinderge- fuehle.at/index.php?id=372. Nicht ein Einzelner ist Souverän, sondern die Gesamtheit der BürgerIn- nen mit ihren unterschiedlichen Positionen.
  2. Ein Negativbeispiel dient dann oftmals der Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes, vgl. http:// www.kindergefuehle.at/themen/gutachterscharlatanerie/medienberichterstattungen/.
  3. Kindschafts- und Namensrechts-Änderungsgesetz (KindNamRÄG) 2013, BGBl. I 2013/15. Selten war einem Beschluss vergleichbare öffentliche Wahrnehmung vorausgegangen. Neben der Reform der Obsorgeanträge von nicht mit der Kindesmutter verheirateten Vätern kam es zur umfassenden Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern (bei gleichzeitiger Streichung dieser Begriffe aus dem Gesetzeswortlaut), zu Änderungen bezüglich der gemeinsamen Obsorge und der Kontakt- rechte (früher Besuchsrechte nicht obsorgeberechtigter Elternteile), der Definition des Begriffs „Kin- deswohl“, weiters einer kompletten Neustrukturierung und -nummerierung der familienrechtlichen Bestimmungen im ABGB, zu kleineren Adaptionen bei Vaterschaftsanerkenntnissen, bei Veranlagung von Kindesvermögen und im Adoptionsrecht sowie zu umfassenden Neuerungen im entsprechenden Verfahrensrecht. Vgl. Astrid Deixler-Hübner, Robert Fucik u. Markus Huber, Das neue Kindschafts- recht, Wien 2013. Zur grundsätzlichen, ideologischen Auseinandersetzung der Sozialdemokratischen Partei und der Volkspartei in Sachen Familien- und Geschlechterbilder und der Rolle der Freiheitli- chen Partei in familienrechtlichen Debatten vgl. auch Karin Neuwirth, „Kampf der Geschlechter“. Gewaltschutz sowie Obsorge- und Besuchsregelungen nach der Scheidung, in: Österreichische Zeit- schrift für Geschichtswissenschaften, 20, 3 (2009), 145–159.
  1. Etliche Webpages haben kaum neue Einträge bzw. wurden nur teilaktualisiert, d. h. sie begnügen sich mit dem Hinweis auf die neue Rechtslage, bleiben jedoch bei vielen Rechtsinformationen und Beispielen auf altem Stand; bspw. http://www.vaterverbot.at. Andere verschwinden gänzlich, wie z. B. die ursprüngliche Homepage http://kinderrechtsinitiative.npage.at/, Zugriff: 4.1.2013, die auf http:// kind24.co.at/, Zugriff: 30.4.2013, weitergeleitet wurde.
  2. Vgl. Gemeinsame Obsorge: Ansturm der Väter bleibt wider Erwarten aus, in: Die Presse, 26.5.2013, 44; Mission „Kindeswohl“ unerfüllt, in: dieStandard.at, 23.2.2014, unter http://diestandard.at/ 1392685917558/Mission-Kindeswohl-erfuellt.
  3. Ohne selbst zu verallgemeinern, werde ich auf argumentative Grundlinien und rechtliche Grundla- gen, nicht auf Einzelfälle eingehen. Der Stil der einzelnen Gruppen und deren Veröffentlichungen variiert, hält sich jedoch, was Beschimpfungen und Abwertungen betrifft, in Grenzen – Postings und Beiträge Einzelner ausgenommen. Zu den entlarvenden, misogynen Beispielen verweise ich auf Rolf Pohl, Die feindselige Sprache des Ressentiments. Über Antifeminismus und Weiblichkeitsabwehr in männerrechtlichen Diskursen, in: L’Homme. Z. F. G., 24, 1 (2013): Romantische Liebe, hg. von Ingrid Bauer u. Christa Hämmerle, 125–136. Vgl. auch Karin Neuwirth, Familienrechtliche Auseinandersetzungen. Die sogenannten neuen Väter als Repräsentanten des Antifeminismus oder der Gleichberechtigung?, in: Jasmine Senk Hg., Zwischen Gleichstellungserfolgen und Antifeminismus: Zwiespältige Tendenzen in der Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, Linz 2013, 1–25.
  4. Michael Matzner, Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004, 339–435, definiert vier Vatertypen: neben dem traditionellen Ernährer im „Ernährer-Hausfrau-Modell“, der sich als grenzenziehenden Förderer seiner Kinder begreift, steht der moderne Ernährer, dem eine lockere Vater-Kind-Beziehung wichtig ist; dann der sogenannte ganzheitliche Vater, der Elternschaft und Ernährerfunktion mit der Mutter teilt, sowie der familienzentrierte Vater, der seine Identität primär aus der Familienrolle schöpft und häufig das „Hausmann-Modell“ lebt. Letzterer stellt die Minderheit dar, auch die partnerschaftliche Arbeitsteilung führt oft entgegen der ursprünglichen Planung zur Retraditionalisierung der Rollenverteilung.
  • Erst seit 2001 kennt das österreichische Recht die Möglichkeit der Aufrechterhaltung der Obsorge beider Elternteile nach Scheidung.
  • So der Hinweis, dass nunmehr „meist andere und weniger radikale Ansichten vertreten“ werden, vgl. unter http://dialogfuerkinder.at/index.php?id=73.
  • Die geschiedenen, obsorgeberechtigten Frauen unterlagen auch keiner staatlichen Kontrolle, wie etwa Alleinerzieherinnen. Hier nahm der Staat erst 1989 von seiner patriarchal bevormundenden Position Abschied und schaffte die Amtsvormundschaft für uneheliche Kinder ab.
  • Unter dem Titel „Väter sind kein Bankomat“ wurde am 3.7.2013 auf Initiative von Abgeordnetem Josef Bucher (BZÖ) eine Aktuelle Stunde im Parlament abgehalten, vgl. unter http://www.parlament. gv.at/PAKT/VHG/XXIV/AS/AS_00056/index.shtml; vgl. auch http://www.maennerpartei.at/der- vater-als-bankomat.
  • Die wirtschaftlichen Krisen und die Auflösung der Normalarbeitsverhältnisse rütteln an diesen Vorstellungen. Michael Meuser, Männlichkeiten in Bewegung – Zur Aktualität des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit angesichts des Wandels von Erwerbsarbeit, in: Brigitte Aulenbacher u. Birgit Riegraf Hg., Erkenntnis und Methode, Wiesbaden 2012, 249–266, 253, verweist darauf, dass dies zu einer Bedrohung des männlichen Selbstverständnisses führt. Dass tradierte Familienmodelle dennoch weiter- hin angestrebt und gelebt werden und wie sie mit dem Gleichheitsgrundsatz und faktischen sozialen Verhältnissen zu vereinbaren sind, untersucht Sabine Berghahn Hg., Gesicherte Existenz? Gleichberechtigung und männliches Ernährermodell in Deutschland, Baden-Baden 2013. Noch heute leben mehr als 60 % der Familien in Österreich die beschriebene Arbeitsteilung; von den mehr als 3,6 Mio. Haushalten werden 75 % durch einen männlichen Haupternährer, 25 % durch eine weibliche Haupternährerin unterhalten; es gibt über zwei Mio. Paare (Ehen und Lebensgemeinschaften), mehr als die Hälfte davon mit Kindern, weiters ca. 300.000 Alleinerziehende, der Großteil davon Frauen. Vgl. dazu https://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/haushalte_familien_lebensformen/index. html sowie https://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/haushalts-einkommen/index.html.
  • Unterhaltsansprüche sind vor allen anderen Interessen zu erfüllen, und die Ausschöpfung der eigenen Leistungsfähigkeit wird eingemahnt; sie muss jedoch realistisch und zumutbar sein. Wer absichtlich sein Einkommen schmälert oder bewusst auf Erwerbsmöglichkeiten verzichtet, kann auf die Höhe früherer Erwerbstätigkeit angespannt werden, muss also Unterhaltsbeträge zahlen, die nicht dem ak- tuellen Einkommen entsprechen.
  • Die von der Judikatur angewandten fixen Sätze sind nach Alter des Kindes und Leistungsfähigkeit der unterhaltspflichtigen Person gestaffelt. Weiters wurden absolute Grenzen, sogenannte Luxusgrenzen festgelegt, was bedeutet, dass Kinder sehr einkommensstarker Unterhaltspflichtiger nicht anteilsmäßig von deren Reichtum profitieren. Der das Kind betreuende Elternteil leistet durch die Versorgungs- und Erziehungsarbeit seinen Unterhaltsbeitrag bzw. -anteil; nur ausnahmsweise werden (gegenseitige) Anrechnungen von Naturalleistungen vorgenommen.
  • Die steigenden Zahlen der Unterhaltsbevorschussungen zeigen die Zahlungsunwilligkeit vieler Väter. Das Unterhaltsvorschussgesetz regelt, dass der Bund durchsetzbare, d. h. mit einem rechtlichen Titel und Exekutionsantrag belegte, Unterhaltsleistungen bevorschusst, indem er die Auszahlung vornimmt und die Ansprüche gegen den Unterhaltspflichtigen auf ihn übergehen.
  1. Das österreichische Eherecht kennt trotz Gleichbeteiligungsgrundsatz immer noch das ‚Privileg‘ der Anerkennung des (rein) haushaltführenden Eheteils (seit 1975 geschlechtsneutral formuliert) und das Sozialversicherungssystem führt durch die Mitversicherung von haushaltsführenden PartnerInnen zu unterschiedlichen Absicherungsmodellen, die das Ausscheiden von Frauen mit Betreuungspflichten (oder des schlechter verdienenden Teils eines Paares) aus dem Arbeitsmarkt zunächst erleichtern, in der langfristigen Perspektive jedoch zu Versorgungslücken und Altersarmut führen. So auch schon meine Kritik in Karin Neuwirth, Die sozialversicherungsrechtlichen Folgen der Ehescheidung. Historische Entwicklung, gegenwärtige Rechtslage und Reformüberlegungen, Linz 1998. Vgl. auch Sybille Pirklbauer u. Christa Schlager, Mythos Lohnschere? Eine österreichische Provokation als Sinnbild für eine fehlgeleitete Debatte, in: L’Homme. Z. F. G., 25, 1 (2014): Heiraten nach Übersee, hg. von Margareth Lanzinger u. Annemarie Steidl, 129–137.
  2. So meinte ein österreichischer Väteraktivist in einem Interview der deutschen Zeitschrift PAPA-YA. Das Magazin für KIND-gerechte Familienpolitik, 7 (2012), 7: „In Österreich passiert die wirtschaftliche ‚Emanzipation‘ der Frauen auf Kosten der vaterentfremdeten Kinder, weil die Regierung unfähig ist, Frauenrecht auf anderen gesellschaftlichen Ebenen umzusetzen.“
  3. So auch jene beiden Bürgerinitiativen, die sich intensiv in den parlamentarischen Prozess der jüngsten Reform eingebracht haben: http://kinderrechtsinitiative.npage.at/, Zugriff: 4.1.2013 und http://www.vaterverbot.at/impressum.html, Zugriff: 30.4.2013.
  4. Vgl. die wohl nur schwer mit echter Geschlechtergleichheit unter einen Hut zu bringenden FP- Kampagnen „Kinder brauchen ihre Mama“, http://www.edithmuehlberghuber.at/wp-content/uploads/2014/03/Folder-Kinder-brauchen-ihre-Mama.pdf, wonach Mütter jedenfalls bis zum dritten Lebensjahr beim Kind bleiben sollen, und „Gemeinsame Obsorge. Den Kindern zuliebe“, http:// www.edithmuehlberghuber.at/wp-content/uploads/2011/04/Folder-Obsorge-2011.pdf, die eine strikte Gleichberechtigung beider Eltern (wohl aber keine Gleichbeteiligung bei der Betreuung?) for- dert. Selbst Johannes Berchtold, Pionierarbeit und politischer Auftrag – 10 Jahre Männerpolitik in Österreich, in: Markus Theunert Hg., Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht, Wiesbaden 2012, 373–384, 374, geht davon aus, dass reflektierte Männerpolitik auf Männeremanzipation abzielt – „auf die Emanzipation von veralteten Männlichkeitsvorstellungen. Sie reflektiert das männliche Selbst und Rollenverständnis auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Rolle der Frau in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft.“ Er stellt aber auch klar, dass damit eine „Entfremdung der Geschlechter bzw. der Geschlechterkampf“ droht.
  1. Drastisch nachzulesen auf www.maennerpartei.at. Erich Lehner, Männer und Gleichstellung – eine spannungsreiche Beziehung, in: Theunert, Männerpolitik, wie Anm. 19, 79–95, 82, weist dezidiert darauf hin, dass auch Männerpolitik keine reine Klientelpolitik (für bestimmte Gruppen von Män- nern) sein kann. Jede Form der Politik hat sich auch an übergeordneten Prinzipien wie der Gerechtig- keit, und damit auch der Geschlechtergerechtigkeit, zu orientieren.
  2. Vgl. Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) 3.12.2009, 22028/04, Zaunegger gg. Deutschland und EGMR 3.2.2011, 35637/03, Sporer gg. Österreich.
  • Kritisch Stefan Heilmann, Die Reform des Sorgerechts nicht miteinander verheirateter Eltern – Das Ende eines Irrwegs?, in: Neue Juristische Wochenschrift, 21 (2013), 1473–1479, 1474f. Auch in Deutschland gehen die Debatten nach der jüngsten Reform, ergänzt um eine neue Facette, weiter. So gründete sich Mütterlobby e. V., die das „von den Fachgerichten häufig praktizierte Prinzip ‚aktive Vaterschaft um jeden Preis‘ kritisch“ beurteilt. Die Forderung, die „Qualifikation der Verfahrensbeteiligten“ sowie den „Prozessablauf in Frage“ zu stellen, gleicht der Argumentation der Vätergruppen, vgl. unter http://www.muetterlobby.de.
  • Vgl. Barbara Beclin, Neuerungen im Obsorge- und Kontaktrecht durch das KindNamRÄG 2013, in: Astrid Deixler-Hübner u. Silvia Ulrich Hg., Kindschafts- und Namensrechtsänderungsgesetz. Grund- rechte – Elternrechte – Kinderrechte, Wien 2013, 61–88, 75.
  • Vgl. dazu auch Jörg Maywald, Entfremdung durch Kontaktabbruch – Kontakt verweigernde Kinder oder Eltern nach einer Trennung, in: Familie, Partnerschaft, Recht, 5 (2013), 200–203.
  • Bereits Ende 2012 wurde entschieden, PAS nicht in das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen aufzunehmen. Vgl. Jörg M. Fegert, Endgültiges Aus für das Parental Alienation Syndrome, in: Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, 5 (2013), 190.
  • Zu den einzelnen Möglichkeiten Mariella Mayrhofer, Verfahrensrechte Minderjähriger sowie Obsorgerechte und -pflichten gegenüber dem Kind, Linz 2014. Zu tw. Umsetzungsproblemen Susanne Beck, Besuchsmittler: Holpriger Start einer neuen Einrichtung, in: EF-Z – Zeitschrift für Familien- und Erbrecht, 8 (2014), 22ff.

Sabine Aichhorn

Sabine Aichhorn – das Gründungsmitglied von FEM.A

Sabine Aichhorn arbeitet als bildende Künstlerin in Wien und ist Gründungsmitglied von FEM.A. Es ist ihr wichtig, auf Problemstellungen von Alleinerzieherinnen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Besonderes Anliegen sind ihr jene Mütter und Kinder, die sich in Gewaltbeziehungen befinden oder glauben, sich daraus gelöst zu haben, um sich anschließend in belastenden Pflegschaftsverfahren wiederzufinden. Es ist befremdlich, wie naiv und verkürzt Frauen- und Kinderrechte in Gesellschaft und Politik diskutiert werden. Die geplante Familienrechtsreform wird Frauen und Kinder in Österreich keinesfalls nach vorne katapultieren. Sollte dies aber nicht der Anspruch jeder aufgeklärten, westlich orientierten Nation sein?

Das rückwärts gerichtete Denken sticht aktuell weltweit ins Auge und schockiert zutiefst, zumal mit den feministischen Avantgarden bereits seit den 1970er Jahren Künstlerinnen wie VALIE EXPORT, Renate Bertlmann, Birgit Jürgenssen uvm. frauenpolitische Themenstellungen in ihren Arbeiten weitreichend behandelt haben. Und nun ist Stillstand, nein, ein Backlash VOR die Zeit dieser großartigen Künstlerinnen! Mit Verlaub, aber wie kann das sein? Vorbildfunktion in der Umsetzung von Frauen- und Kinderrechten nimmt Österreich damit nicht ein. Es ist eher ein Einschwingen in die weitere Bedeutungslosigkeit Europas.

Sabine Aichhorn – die Künstlerin

Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz, Textil Kunst&Design an der Kunstuniversität Linz sowie Malerei, Animationsfilm und Tapisserie an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Prof. Christian Ludwig Attersee.

Längere Auslandsaufenthalte in Kalifornien und den Niederlanden sowie zahlreiche Reisen quer durch Europa, nach Kuba, Nepal, Marokko und Ägypten/Sinai beeinflussen ihr Denken und Handeln massgeblich.

Ihre Werke wurden bisher im Museum für angewandte Kunst Wien, im Künstlerhaus Wien, in der Neuen Galerie Graz (Landesmuseum Joanneum), im Museum der Moderne Mönchsberg Salzburg, im Museum Nordico Linz, im Fotomuseum Winterthur/CH, im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg/D sowie in zahlreichen Galerien im In- und Ausland gezeigt.

Sabine ist unter sabine.aichhorn@verein-fema.at erreichbar, künstlerische Arbeiten unter sabineaichhorn.at

Die Väterrechtsbewegung 

 MARIAM IRENE TAZI-PREVE „Das Versagen der Kleinfamilie – Kapitalismus, Liebe und der Staat“

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Der Kampf um verlorene Machtpositionen durch die Familienrechtsreform der 1970er Jahre setzte schon Ende der 1980er Jahre im Rahmen der Väterrechtsbewegung wieder ein. In den 1990er-Jahren wurde der wissenschaftliche Schwerpunkt auf die Defizite im Familienverhalten von Vätern („the missing fathers“) durch die Aktivitäten der Väterbewegung zurückgedrängt. Diese lenken seither das Augenmerk primär auf die rechtliche Seite der Vaterschaft, die angeblich Väter nach der Trennung von der Kindesmutter benachteilige (Fthenakis/Textor 2002). In Deutschland forcierten dies vor allem WissenschaftlerInnen (Fthenakis 1985, 1988: Amendt 2006), in Österreich primär AkteurInnen aus den Bereichen Justiz und Politik. 

Seit den 1990er Jahren haben sich Väter über Internetplattformen organisiert, die weiterhin beanstanden, dass die Kinder trotz der Möglichkeit des Sorgerechtes für beide Elternteile zumeist bei der Mutter bleiben und Vätern die alleinige Obsorge nur äußerst selten erteilt würde (Beispielsweise www.vaterverbot.at). Zur entsprechenden Stimmungsmache trugen auch zahlreiche Artikel in Zeitschriften bei. Ein Schwerpunkt der Zeitschrift „Spiegel“ im Jahr 1997 zum Thema „Die vaterlose Gesellschaft“ (Der Spiegel Nr. 47/1997) läutete die mediale Propagierung der Väter als angebliche
Opfer ein.

Neben der medialen führte die starke politische Lobbyarbeit für Scheidungsväter 2001 in Österreich zu einer Gesetzesänderung, die eine „Obsorge beider Elternteile“ für Scheidungskinder festlegte (Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 2001. In Deutschland spricht man von der „elterlichen Sorge“), wobei mit dem Wohl des Kindes im Fall einer Trennung der Eltern argumentiert wurde. Von Seiten der Initiative „Recht des Kindes auf beide Eltern“ (Gegründet 1988 vom damaligen Anwalt und Gründer von www.vaterverbot.at Dr. Günther Tews) war beklagt worden, dass die Rechtsstellung der Väter nicht der veränderten sozialen Praxis einer zunehmen aktiv gelebten sozialen Vaterschaft
gefolgt sei und die Kinder in der Regel der Mutter zugesprochen würden.

Die Sorgerechtsgesetze sind seit deren Einführung allerdings umstritten. RechtsvertreterInnen von Müttern kritisieren, dass die Gesetzesnovelle zwar Rechte für Männer, aber nicht für Kinder gebracht habe. Auch nach der neuen Gesetzeslage leben Kinder nach wie vor meist bei ihren Müttern. Das Arbeitspensum der Mutter bliebe demnach gleich, ihre Rechte jedoch müsse sie nun teilen (Bayer 2006). Dieses Gesetz stärke also eine Väterposition, „ohne nach der Qualität von Vaterschaft zu fragen“ (Plattner 2011, 14). Auch wird daran gezweifelt, dass ein Kontakt zum Vater grundsätzlich das „Wohl des Kindes“ fördere, wie die juristische Diktion heute lautet. Es gäbe sehr wohl Gründe dafür, ihn zu verweigern – z.B. bei psychischer Beeinträchtigung oder Alkoholismus des Vaters und bei Gewalt gegen die Mutter und/oder die Kinder (Heiliger 2005).

Da es – im Unterschied zum deutschen – im aktuell gültigen österreichischen Gesetz nach der Scheidung kein Weiterbestehen des Sorgerechts beider Eltern ohne eine explizite gemeinsame Willenserklärung gibt, wurde der Ruf nach einer „echten Automatik“ laut. Konflikte gibt es auch um Besuchsrechte, also um die alltagstaugliche Gestaltung der Nachscheidungssituation. In Österreich wird derzeit eine verpflichtende gemeinsame Obsorge diskutiert, die der Regelung in Deutschland folgen soll. 2010 hat die Väterrechtsbewegung in Deutschland durchsetzen können, dass auch ein Vater, der niemals mit der Kindesmutter verheiratet war, ein Sorgerecht beantragen kann. In Österreich wurde dies für uneheliche Kinder, die derzeit in der alleinigen Obsorge der Mutter sind, nur andiskutiert. Die Mutter soll unter Androhung von Strafe auch bei einer außerehelichen Geburt die Obsorge des Vaters zulassen. Die ehemalige österreichische Ex-Justizministerin Bandion-Ortner gab allerdings zu bedenken, dass Mütter in diesem Fall den Vater nicht mehr angeben würden.

2007 leitete ich eine Untersuchung (Tazi-Preve et al. 2007), die der Frage nachging, warum so viele Väter nach der Trennung bzw. Scheidung von der Kindesmutter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. Es zeigte sich, dass dies vielfältige Gründe hat und nur bei einem Teil daran liegt, dass die Mutter den Kontakt zu den Kindern/dem Kind willentlich unterbindet. Die Gründe liegen, so hat sich in der qualitativen Befragung von ExpertInnen herauskristallisiert, im Wesentlichen in den folgenden vier Bereichen:

  • Das (Selbst-)Verständnis von Vaterschaft: Dabei geht es um das subjektive Vaterschaftskonzept der Männer, verbunden mit gesellschaftlichen Erwartungen an Väter. Manche Männer ziehen sich gänzlich zurück, weil sie unsicher über die Bedeutung der eigenen Rolle als Vater sind. Es zeigt sich, dass vor allem der klassische „Ernährer-Vater“ nach einer Scheidung Probleme mit der Ausgestaltung der Vater-Kind-Beziehung haben kann, da er auf die bisher von der Mutter übernommene Rolle als „Beziehungsvermittlerin“ verzichten muss.
  • Die Beziehung zur Kindesmutter: Äußerst bedeutsam für den Kontakt zwischen Vater und Kind ist die Qualität der Beziehung des Vaters zur Kindesmutter. Als Schlüsselfaktor für den Kontaktverlust bzw. –abbruch zwischen Vater und Kind erweist sich, wenn Mutter und Vater die Konflikte als Paar und als Eltern vermischen. Besonders problematisch sind dabei Eskalation von Konflikten und die bisweilen jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen.
  • Eine neue Partnerschaft: Das Eingehen einer neuen Partnerschaft des Vaters und/oder der Kindesmutter fördert den Kontaktverlust zwischen Vater und Kind. Das größte Problem stellt dabei das Entstehen von Konkurrenzsituationen zwischen der Kindesmutter oder/und den Kindern und der neuen Partnerin des Vaters dar bzw. umgekehrt, wenn die Kindesmutter eine neue Partnerschaft eingeht.
  • Macht und Gewalt: Zentrale Themen im Zusammenhang mit dem Kontaktabbruch zwischen Vater und Kind sind Macht und Gewalt. Auf der einen Seite haben die Kindesmütter eine gegenüber den Kindesvätern privilegierte Position in Bezug auf ihre Kinder, weil sie diese primär betreut haben. Auf der anderen Seite geht es um männliche Gewaltausübung innerhalb der Familie, da Mütter den Kontakt mit Vätern, die während der Beziehung gegen sie und/oder gegen die Kinder gewalttätig waren, verweigern. Ein Teil der Mütter unterbindet den Kontakt, weil sie mit ihrem gewalttätigen ehemaligen Partner
    in keiner Weise mehr kooperieren wollen. Es gibt also einen Anteil von Frauen, die dem Vater „die Kinder entziehen“. Die
    Väterrechtsbewegung aber macht uns glauben, dass diese Mütter die große Mehrheit darstellen würden, und weigert sich, andere Faktoren, die zum Kontaktverlust mit dem Kind führen können, anzuerkennen.

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Mariam Irene Tazi-Preve ist eine österreichische Politikwissenschaftlerin und Autorin. Als (Co-)Autorin oder Herausgeberin veröffentlichte sie sieben Bücher, darunter Mutterschaft im Patriarchat (2004), Väter im Abseits (2007) und Familienpolitik: nationale und internationale Perspektiven (2009). Im Frühjahr 2017 erschien ihr Buch Das Versagen der Kleinfamilie: Kapitalismus, Liebe und der Staat. Mit Motherhood in Patriarchy erschien 2013 auch eines ihrer Bücher für den englischsprachigen Markt.

Neben Büchern veröffentlicht Tazi-Preve wissenschaftliche Artikel, hält Vorträge in Europa und Nordamerika und ist Mitbegründerin der Online-Zeitschrift Bumerang. Zeitschrift für Patriarchatskritik.

Quelle: Wikipedia

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