Strukturelle Gewalt gegen Frauen und Kinder – Nachdenkliches zum Weltfrauentag

Frauen – und Kinderechte zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Von Dr. Wolfgang Hammer, Autor der Studie „Familienrecht in Deutschland“                                             8. März 2024                                 

Ich wollte als junger Mann wie viele junge Frauen und Männer meiner Zeit (Jahrgang 1948) in einer Welt leben, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben. Ich wusste, dass dazu viele Kämpfe nötig sein würden, um das Ziel zu erreichen. 

Gewalt und Unterdrückung in allen Formen habe ich als Kind als akzeptierten Bestandteil des Alltags erlebt. Da ich in meiner Familie nie Gewalt erfahren habe, war ich stets in der Rolle des Beobachters. Das Schlagen von Kindern war ein Erziehungsmittel und moralisch und religiös legitimiert. Und wo die Kinder geschlagen wurden, wurden auch die Frauen geschlagen.

In meiner Schulzeit ist das Thema Menschenrechte mehrfach angesprochen worden – immer unter den Akzenten: Rassismus, Antisemitismus und religiöse Intoleranz. Gewalt und Unterdrückung von Frauen und Kindern stand bis zum Abitur nicht auf dem Lehrplan.

Ich wusste auch, dass zwischen gleichen Rechten im Gesetz und Rechten im Alltag oft eine Lücke klafft.

In keinem Bereich war und ist diese Lücke so sichtbar wie im Geschlechterverhältnis, wenn die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung weder durch den Staat gesichert noch in der Gesellschaft mehrheitlich gewollt ist.

Die rechtliche Stärkung von Frauen und deren gesellschaftliche Auswirkungen gehören zu den positiven Erfahrungen meines Lebens. Ohne Feminismus wäre dieses Ziel allerdings nicht erreicht worden.

Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer haben mein Leben ebenso beeinflusst wie Martin Luther King und Janusz Korczak.

Eine weitere Erfahrung ist die Erkenntnis, dass immer dann, wenn es Frauen schlecht geht auch den Kindern Leid droht.

Gewaltfreiheit im umfassenden Sinne ist die Voraussetzung zur freien Entfaltung der Persönlichkeit. Werden Frauen diskriminiert und benachteiligt, leiden die Kinder. Wenn Frauenrechte unterlaufen werden, werden auch Kinderechte nachrangig.

Nun muss ich zur Kenntnis nehmen, dass in den letzten Jahren wieder frauenfeindliche Narrative zunehmend gesellschaftsfähig geworden sind, dass die Sehnsucht nach vermeintlich starken Männern und traditionellen Rollenmustern steigt und Gewalt gegenüber Kindern und Frauen nicht nur zunimmt, sondern auch deren gesellschaftliche Akzeptanz.

Das ist einer der Gründe warum frauenfeindliche und das Kindeswohl bedrohende Entscheidungen von Familiengerichten und Jugendämtern sich verbreiten konnten und die betroffenen Frauen und Kinder bis heute nicht einmal die Gelegenheit bekamen angehört zu werden.

Bedrückend hierbei ist die Tatsache, dass Politik und Justiz nicht nur tatenlos zuschauen, sondern erst die strukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen haben.

Wieder werden Frauenrechte und Kinderrechte insbesondere der Schutz vor Gewalt ignoriert, zu deren Einhaltung sich Deutschland mit der Unterzeichnung der UN – Kinderrechtskonvention und der Istanbul Konvention verpflichtet hat.

Während die Frauen in Frankreich auch am Weltfrauentag noch parteiübergreifend feiern können, dass das Recht auf Abtreibung in die Verfassung aufgenommen wurde, kämpfen Frauen in Deutschland gegen machtvolle patriarchalische Männerbünde, die es sogar geschafft haben, auf Entscheidungen von Gerichten und Jugendämtern Einfluss zu nehmen und alleinerziehende Frauen von ihren Kindern zu trennen.

Inzwischen habe ich zu mehr als zweitausend Müttern Kontakt gehabt, die das erlebt haben. 

Wie viele sind es wirklich, wenn der Staat bereit wäre, Licht in das Dunkelfeld zu bringen?

Ausgangslage und Rückblick

Die Ergebnisse der 2022 veröffentlichten Studie „Familienrecht in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme“ haben inzwischen nicht nur in Deutschland, sondern auch international eine breite Bestätigung gefunden, noch zumal sie im Kern durch den Deutschlandbericht der Expertengruppe (GREVIO) des Europarats im Oktober 2022 in ihrem strukturellen Charakter nachgewiesen wurden.

Im Zentrum steht die Offenlegung des Zusammenspiels individueller männlicher Gewalt und institutioneller Gewalt durch Staat und Justiz in familienrechtlichen Verfahren.

Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit einer durchgängigen faktischen gesellschaftlichen und politischen Tradition, die grundgesetzlich verankerte Gleichstellung aller Menschen immer dann, wenn es um Frauen und Kinder geht, zu unterlaufen oder zu ignorieren.

In der deutschen Demokratie – Tradition sind nicht die Parlamente frauenfeindlich wohl aber Teile der Exekutive und der Justiz.

Bis in die fünfziger Jahre wurden Frauen durch das Lehrerinnenzölibat daran gehindert, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, obwohl schon 1919 mit der Weimarer Verfassung das sog. Lehrerinnenzölibat abgeschafft wurde. Dennoch haben die Kultusministerien einiger Bundesländer, insbesondere in Baden-Württemberg, das rechtswidrige Konstrukt in Arbeitsverträgen mit Lehrerinnen festgeschrieben, die bei einer Heirat arbeitslos wurden. Erst 1957 erklärte das Bundesverfassungsgericht diese Praxis für verfassungswidrig.

Bis 1962 durften Frauen nur mit schriftlicher Zustimmung ihres Mannes ein Konto eröffnen, 

Bis 1977 brauchten Frauen nach einer Eheschließung die Erlaubnis ihres Ehemannes, um einen Arbeitsvertrag abzuschließen. Faktisch waren sie dadurch weiter abhängig von Ihren Männern, wenn sie einen Mietvertrag abschließen oder ein Konto eröffnen wollten. 

Bis in die 90er Jahre standen alleinerziehende Frauen unter dem Generalverdacht der Erziehungsunfähigkeit und ihre Kinder unter Vormundschaft der Jugendämter. Selbst im Einigungsvertrag von 1989 konnten ostdeutsche und westdeutsche Frauen es nicht erreichen, diesen Zwang zur Amtsvormundschaft abzuschaffen, während jeder alleinerziehende Mann per se von der westdeutschen Gesellschaft als erziehungsfähig angesehen wurde.

Mütter, die ihre Kinder in Krippen betreuen ließen, galten als Rabenmütter und erst lange nach der Jahrtausendwende gab es in Deutschland den Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung, der in anderen europäischen Ländern für viele Frauen längst eine Selbstverständlichkeit war.  

Dieser Rechtsanspruch wird bis heute durch fehlende Plätze, schlechte Standards, hohe Elternbeiträge und unzureichende Öffnungszeiten je nach Region eingeschränkt und unterlaufen. Leidtragende sind wieder einmal Frauen, die dadurch in ihren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden und deren Einkommen und Renten, hinter denen der Männer zurückbleiben. 

Leidtragende dieser deutschen Tradition sind bis heute auch immer Kinder, deren gedeihliche Entwicklung durch vielfach halbherzige und unterfinanzierte Angebote der Bildung und Betreuung beeinträchtigt wird. Da ganze geschieht trotz eines seit mehr einer Dekade bestehenden Rechtsanspruchs auf eine bedarfsgerechte Bildung und Betreuung, den sowohl die Eltern auch die Kinder haben. 

Die Evaluation der Coronapolitik durch das Deutsche Jugendinstitut zeigt die fatalen Folgen für Frauen vor allem aber für Kinder auf, von denen viele irreparable Schäden erlitten und erhebliche Bildungsrückstände   hinnehmen mussten.

Der Versuch Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen ist u.a. gescheitert, weil Ablehnung eines Vorrangs der Kinderrechte, wie sie in der UN – Kinderrechtskonvention niedergelegt ist, nicht einmal die Hürde zum Gesetzesentwurf schaffte.

Mit dem Zulassen frauenfeindlicher und das Kindeswohl gefährdender Narrative ist eine neue Unterdrückungsform entstanden, der selbst erfolgreiche starke Frauen oft hilflos ausgeliefert sind, weil sie ihre Kinder schützen wollen.

Wie konnte es dazu kommen?

In Deutschland ist die gesellschaftliche Akzeptanz eigenständiger Kinderrechte instabil und erheblichen Schwankungen im Zeitgeist ausgesetzt. Dies ist u.a. auf gravierende Vorbelastungen zurückzuführen:

Winterhoff und die Schwarze Pädagogik

Die hartnäckigste Vorbelastung ist die ideologische Legitimation der ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern und Jugendlichen (Adultismus) in der grauen Pädagogik, der auch schon Sokrates den Weg bereitet hat. Danach sind Erwachsene naturhaft übergeordnet. Die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sind nachrangig oder sogar völlig zu ignorieren.

Von diesem Hintergrund werden Entscheidungen erklärbar, aber nicht entschuldbar, dass in Jugendämtern und Familiengerichten Bedürfnisäußerungen von Kindern häufig nicht berücksichtigt werden.

Die Tatsache, dass der Psychiater Winterhoff jahrelang Kinder und Jugendliche wegen zu liebevollen Beziehungen zu ihren Müttern als gestört und krank diagnostizieren, krankschreiben und in Einrichtungen mit entwürdigenden Erziehungsmethoden verbringen konnte, war nur möglich, weil er mit seinen Thesen:

  • Kinder sind zunehmend verhaltensgestört, weil die Eltern (gemeint waren stets die Mütter) sie nicht streng reglementieren. 
  • Kinder und Jugendliche sind Tyrannen, die die Zukunft der Gesellschaft gefährden.

auf einem gesellschaftlich verankerten Grundkonsens aufbauen konnte.

Entgegen den wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden falsche Diagnosen wie „frühkindlicher Narzissmus “ und “ symbiotische Mutter Beziehung “ erstellt und Kindern schädliche Neuroleptika (Pipamperon) verabreicht um dann in Einrichtungen mit Methoden der Freiheitseinschränkungen und Kontaktsperren zur Familie sediert behandelt zu werden. 

Die hohe Präsenz in den Medien als gefeierter Quotenbringer hatte Winterhoff jahrelang nahezu unangreifbar gemacht. 

Nationalsozialistische Erziehungskonzepte sind wieder im Vormarsch

Die Ablehnung eines Erziehungsideals, die Bedürfnisse der Kinder ernstzunehmend, hat eine ihrer Wurzeln auch im Nationalsozialismus. Die zentralen Begründungen einer die Bedürfnisse der Kinder bewusst zu unterdrückenden Maxime, liefert die Ärztin und Chef – Ideologin im Nationalsozialistischen Deutschland, Johanna Haarer. 

Ihr erfolgreichstes Werk war der 1934 veröffentlichte Erziehungsratgeber: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Darin wird Müttern gezeigt, wie sie ab der Geburt systematisch die Bedürfnisse der Kinder unterdrücken sollen, um gefühlsmäßige Bindungen an Menschen zu verhindern, damit sie hart wie Kruppstahl werden, um Ihrem Staat bedingungslos dienen zu können.

Eine enge Mutter-Kind-Bindung war damit eine dem Volk schadende symbiotische Beziehung.

Dieses Buch war nicht nur in der Mütterbildung und im BDM (Bund Deutscher Mädel) verpflichtender Unterrichtsstoff, sondern war bis in die siebziger Jahre auch Bestandteil der Ausbildung von Erzieher*innen und Hebammen. Im Nachkriegsdeutschland hatte das Werk noch über 4 Jahrzehnte seine Wirkung entfalten können. Von 1953 – 1986 waren 1.3 Mio. Exemplare verkauft worden und von den ca. 5 Mio. Ratgebern aus der Nazi-Zeit lagen noch zahlreiche Exemplare in den Bücherschränken deutscher Familien. Die letzte Auflage erschien im Jahr 1987. 

Nun werden diese Ideologien wieder gesellschaftsfähig und finden zunehmend Eingang in Beschlussbegründungen von Jugendämtern und Familiengerichten bei Sorgerechts – Entscheidungen.

Diese frauenfeindlichen Narrative zerstören Lebensläufe und helfen Tätern weiter Kontrolle, Gewalt und Missbrauch von Frauen und Kindern fortzusetzen.

Fazit

Der Weltfrauentag 2024 muss zum Wendepunkt gegen eine rückwärts gerichtete gesellschaftliche und politische Entwicklung werden. Die Frauen und Kinder ihrer Rechte beraubt.

Gewaltfreie Beziehungen zwischen Männern und Frauen, zwischen Eltern und Kindern, die durch Respekt und der Anerkennung gleicher Rechte für alle geprägt sind, sind die zentrale Zukunftsvision für unser Zusammenleben. Es gibt dazu keine Alternative.

Der Staat, der ideologisch beeinflussten Jugendämtern und Familiengerichten weiter das Feld überlässt, ist verantwortlich dafür, wenn täglich Kinder und Frauen erneuter Gewalt aussetzt werden und der Rechtsstaat zum Unrechtsstaat wird.

Unser Staat muss deshalb zur Ordnung gerufen werden.

Gemeinsam mit den Forderungen des UN-Hochkommissars für Menschenrechte und dem Expertengremium zur Umsetzung der Istanbul Konvention (GREVIO) des Europarats müssen Männer und Frauen jetzt in ihren Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Parteien und Gremien Flagge zeigen und Einhalt gebieten.

Autor: Dr. phil Wolfgang Hammer

Jahrgang 1948, seit 1970 verheiratet, Vater von drei Söhnen

Freiberuflicher Soziologe und Fachberater

Autor der Studie „Familienrecht in Deutschland“, 2022

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