Vater, Mutter, Kind, Amok

Rechtzeitig zum Equal Pension Day bringt Profil ein dramatisches Cover. Man meint zu lesen: Vater, Mutter, Kind. Ein Amoklauf. Düsteres Titelbild für eine heikle Angelegenheit, die Gleichstellung der Geschlechter auf Kosten unserer Kinder. Profil treibt mit der patriarchal-brachialer Angstmache die Verkaufszahlen in die Höhe. Trennungsväter! Das geht uns alle an. Trennungsväter, ein Wort das zieht, wie selten eines. Asylschmarotzer kommt auch auf ähnliche Kopfnickquoten.

Und dann endlich lässt man Frauen sprechen bzw. schreiben. Unterrepräsentiert im Literaturbetrieb, vereinnahmt, falls wirklich erfolgreich, verdienen auch Frauen (manchmal) mit Schreiben ihr Geld.  Keine bessere Rechtfertigung für den Gender Gap in allen Belangen als Frauen, die darauf bestehen, dass es auch Männern schlecht geht, dass auch Männer Opfer von Gewalt sind, dass auch Männer ihre Kinder lieben. Das internalisierte Patriarchat hat uns fest im Griff. Frau Hager also legt uns ihre Sicht der Dinge klar. Es gibt Unternehmer, die können sich gegen miese Schlampenmütter einfach nicht zur Wehr setzen, und seien es Kaliber wie Wirtschaftstreiber (Name von der Redaktion geändert). Der Name, so darf man hoffen, wurde von der Redaktion auch wirklich geändert, denn sonst wäre es ja quasi eine Werbung für Herrn Wirtschaftstreiber und eine öffentliche Demütigung für Mutter und Kind.

Schon die Einstiegsformulierungen, dass es natürlich auch Väter gibt, die an Geburtstage ihrer Kinder (aus vorangegangenen Beziehungen) erinnert werden müssen, lassen keinen Zweifel daran, welche Perspektive hier eingenommen und wem die Schuld zugewiesen werden wird. Trotzdem oder deswegen lesen wir den Artikel umso aufmerksamer. Es gibt allerdings ein Recherche-Netzwerk Corrective, da wird vorsorglich mit Anführungszeichen zitiert, so als möchte man sich gegen diese Resultate der Recherche abgrenzen: Väterrechtler Netzwerke fallen durch „ausgefeiltes Lobbying und jede Menge Frauenhass auf“. Befindet sich also ein Vater im Grabenkampf um sein Kind, weiß er nun, wohin er sich wenden kann.

Dass Familiengerichte tatsächlich überlastet sind, wie im übrigen auch Asylgerichtshöfe, sollte nicht dazu missbraucht werden, um Einzelschicksale vor aller Leser:innen Augen aufzubrechen und auszuweiden. Unsere Gesellschaft sieht sich vor brisanteren Problemen als Vätern, die ohne stärkendes Umfeld vereinsamen und auf ihre Rechte verzichten.

Wir fragen uns vielmehr, was soll ein Mädchen / oder Bursche, dem vorgeworfen wird, bei der Mutter bleiben zu wollen, dem vorgeworfen wird, Briefe an den Opa zu schreiben, am Ende gar noch eingeflüsterte, was für ein Frauenbild kann so ein Mädchen / oder Bursche entwickeln? Realiter verdienen Frauen in Österreich um ein Viertel weniger als Männer, bekommen die Kinder, ziehen sie groß und arbeiten daher Teilzeit, was ihnen als Belohnung Altersarmut einbringt. Dann lesen sie in einer renommierten Zeitschrift, dass natürlich schon auch Alleinerzieherinnen arm sind – nicht in diesem Artikel, aber man hat davon gehört – aber Trennungsväter zunehmend häufiger über psychosomatische Beschwerden und Ermüdung im Alltag klagen. Kein Anreiz für einen Kinderwunsch, nicht einmal für den Papamonat, oder?

Die Autorin:

Eva Surma ist gebürtige Grazerin. Lebt und schreibt in Leibnitz, in der Südsteiermark, aber auch sehr gern am Meer und anderswo. Sie hat Deutsch als Fremdsprache in Graz, Judenburg und Modena im MA-Studium abgeschlossen und darf sich, nach einem Studium der Migrationswissenschaften, an der Donau Universität Krems, Akademische Expertin der Migrationswissenschaften nennen. Feminismus ist ihr Beruf und ihre Berufung. 2005 gründet sie gemeinsam mit der Geschlechterforscherin Sandra Jakomini den verein-freiraum, der fortan die Frauenberatungsstelle Leibnitz trägt. Zahlreiche Vereinsgründungen, Publikationen und Prämierungen. Zuletzt: Sommerschnee (Lyrik. Keiper Verlag). Wenn Frauen zu sehr schuften. Vom Wunsch die Welt zu retten (gemeinsam mit Maria Rösslhumer. Keiper) 2023 reklamiert sie ihr Meerschutzgedicht „Mare, il grande fratello blu“ auf der Piazza Unitá in Triest auf Italienisch und Deutsch, im Rahmen der Veranstaltung von Mare Nordest, gemeinsam mit ihrer feministischen Künstlerkollegin Qing Yue. Jüngste Prämierung: 2. Platz beim SIPAR Festival in Moscenicka Draga, Kroatien, im Juni 2024.

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