Online-Webinar: Wie das Jugendamt 1950 bis 1970 Kindesabnahmen bei Alleinerzieher*innen begründete

Online-Webinar: Wie das Jugendamt 1950 bis 1970 Kindesabnahmen bei Alleinerzieher*innen begründete

Kostenloses Online-Webinar mit Mona Susanne Unterberger, BA BA und Lisa Obermüller, BA | Montag, 1. Dezember 2025 | 19-21 Uhr

Der Vortrag beleuchtet ein bislang kaum erforschtes Kapitel der Geschichte der Österreichs: die Praxis der Kinder- und Jugendfürsorge Niederösterreich nach dem Zweiten Weltkrieg (1950-1970). Im Zentrum stehen historische Akten, sogenannte Mündelakten, die die damalige Fürsorgearbeit aus der Perspektive der Verfasserinnen – der Fürsorgerinnen – dokumentieren. Der Vortrag widmet sich der damaligen Dokumentationspraxis, die sowohl gesellschaftliche Normvorstellungen als auch bestehende Gesetzeslagen widerspiegelt. Besonderes Augenmerk liegt auf der bis 1989 gesetzlich verankerten Amtsvormundschaft für sogenannte ‘uneheliche’ Kinder sowie auf den Legitimierungsgründen, mit denen Kindesabnahmen aus Familien mit ledigen Müttern begründet wurden.

Die Grundlage dieses Vortrags bilden die Ergebnisse unserer Bachelorarbeiten, die im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts an der FH St. Pölten im Jahr 2024 in der Zusammenarbeit mit Mag. Dr. Anne Unterwurzacher und Nadjeschda Stoffers BA BA MA entstanden. Dabei wurden die Wissenschaftsdisziplinen der Sozialen Arbeit und der Geschichtswissenschaft miteinander verbunden, um einen Beitrag zur lokalen Professions- und Geschlechtergeschichte in Niederösterreich zu leisten.

Thema und Forschungsinteresse

Im Fokus des Vortrags steht die Frage, wie das Eingreifen in als deviant dargestellte Familienformen argumentiert und dokumentiert wurde, insbesondere in Bezug auf ‚uneheliche‘ Mütter und ihre Kinder. Historische Quellen zeigen, wie familiäre Lebensverhältnisse, Sexualität und Geschlechterrollen Gegenstand von Bewertung, Kontrolle und Intervention wurden.

Eine Auswahl aus historischen Akten diente als Ausgangspunkt für eine intersektionale Auseinandersetzung mit:

  • den Sprachbildern und Zuschreibungen in der damaligen Dokumentationspraxis,
  • dem Verständnis von Kindeswohl und familiärer Normalität,
  • der Rolle von Geschlecht, Klasse und Abweichung in behördlichem Handeln.

Historische Sprachpraxen erzählen nicht nur etwas über das dokumentierte Geschehen, sondern auch über jene die dokumentierten. Sie zeigen wie sich damalige Vorstellungen über Mutterschaft, Weiblichkeit, Sexualität und Armut in der Sprache der Akten niederschlugen. Wie viel Interpretation, Zuschreibung oder Vorurteil steckt in diesen Beschreibungen? Welche gesellschaftlichen Normen wirken hier mit? Der Vortrag zeigt nicht nur konkrete Beispiele, sondern setzt sie auch in den historischen, politischen und institutionellen Kontext.

Eine kritische Beschäftigung mit der Geschichte kann helfen, eigene Vorurteile zu erkennen und zu hinterfragen. Intersektionale Forschung im historischen Kontext kann zum Aufbrechen von Rollenbildern und Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit beitragen. Auch heute sind alleinerziehende Mütter strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt wie u.a. der aktuelle Sozialberichte aus dem Jahr 2024 zeigt. Der Vortrag schlägt damit eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und öffnet Raum für Fragen, Diskussionen und neue Gedanken.

Mona Susanne Unterberger, BA BA ist Sozialarbeiterin in einem niederösterreichischen Frauenhaus. Sie betreut und begleitet von Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder in der Gestaltung einer sicheren und gewaltfreien Zukunft. Im Rahmen ihrer Tätigkeit ist sie mit vielen anderen Einrichtungen vernetzt, die sich für Opferschutz und Kinderschutz in Österreich engagieren.

Lisa Obermüller BA ist Sozialarbeiterin in der Regionalstelle der Kinder- und Jugendhilfe Wien sowie Referentin im Projekt „CheckPoint“ der Fachstelle Niederösterreich für Suchtprävention und Sexualpädagogik. In ihrer Tätigkeit bei der Kinder- und Jugendhilfe begleitet sie Kinder, Jugendliche und deren Familien mit dem Ziel, ein sicheres und gewaltfreies Aufwachsen in ihren Lebensräumen zu fördern. Die Erkenntnisse der historischen Forschungsarbeit im Rahmen des Bachelorprojektes stärkten die Motivation, selbst „Aktenproduzentin“ der Kinder- und Jugendhilfe zu werden. Darüber hinaus engagiert sie sich in feministischen Initiativen für eine gleichberechtigte Gesellschaft.

Warum der Großteil unserer Angebote Frauen* und weiblich gelesenen Personen vorbehalten ist

Der Großteil unserer Webinare und Seminare richtet sich an Frauen* und weiblich gelesene Personen, um einen geschützten Raum zu schaffen. Viele Teilnehmerinnen* sind von Gewalt betroffen oder haben diese erlebt, in der Regel Männergewalt. In diesem sensiblen Kontext ist es wichtig, sich sicher austauschen zu können, ohne Angst vor Bewertung oder Rechtfertigungsdruck.

Diese Vorgehensweise versteht sich ausdrücklich nicht als Ausschluss von Männern, sondern als Beitrag zum Gewaltschutz und zur Stärkung von Betroffenen.

Unser Fördergeber, das Sozialministerium, unterstützt uns in dieser Haltung.

Hast Du schon vorab Fragen oder kannst Du beim Webinar nicht dabei sein? Interessiert Dich ein Aspekt besonders? Dann schicke uns gerne eine E-Mail an event@verein-fema.at unter der Angabe des Namens des Webinars. Wir leiten Deine Frage an die Vortragende weiter und beantworten sie nach Möglichkeit im Webinar.