Neue Männer braucht das Land

Neue Männer braucht das Land

Die vernachlässigte Auseinandersetzung mit patriarchaler Macht und Männlichkeit und ihre Auswirkung auf Gesellschaft und Staat

Vorwort der Autorin und des Autors

Die weltweite Krise demokratischer Gesellschaften hat verschiedene Ursachen. Bis heute wird bei der Ursachenforschung erheblich unterschätzt, welch große Auswirkungen patriarchale Grundmuster des Zusammenlebens und der Konfliktaustragung auf Gesellschaft und Staat haben.

Mithilfe passiver Termini wird von häuslicher Gewalt gesprochen, von Verkehrsdelikten, von Kriegsverbrechen, Wirtschaftskriminalität. Doch hinter abstrakten Zahlen, Missständen und Katastrophen stecken meist Männer, die für die Taten verantwortlich sind. Vor allem bei Gewalt, Sucht und Straßenverkehr dominieren Männer die negativen Statistiken. Der Ökonom Boris von Heesen hat versucht, den „hohen Preis des Patriarchats” zu beziffern: Nach seiner auf Fakten beruhenden Schätzung kostet schädliches männliches Verhalten die Gesellschaft jedes Jahr mindestens 63,5 Milliarden Euro. Damit hineingerechnet sind noch nicht die Folgen antifeministischer Haltungen oder Handlungen.

Not all men hat keine Gültigkeit

Was vielen bis heute noch nicht klar ist: Das Patriarchat ist kein binärer Geschlechterkampf zwischen Männern und Frauen, von Gut gegen Böse. Das Patriarchat ist ein System, das uns alle betrifft. Man kann es sich vorstellen wie ein Gesellschaftsspiel, in dem jeder und jede seine oder ihre Rolle einnimmt und versucht, sie so gut wie möglich zu spielen. Auch wenn wir immer weiter von binären Geschlechtern abzurücken versuchen. Es wird immer noch sanktioniert, wer es wagt, von den Rollen abzuweichen, über Beschämung, Bestrafung, bis hin zu Mord. Not all men – also, dass nicht alle Männer schuldig seien – hat für uns keine Gültigkeit. Denn auch Männer, die sich juristisch nicht strafbar machen oder ethisch verwerflich verhalten, profitieren von den ihnen zugewiesenen Privilegien und Zugängen zu machtvollen Positionen und Normen. Am Ende ist außerdem der Böse nicht irgendein Monster hinter einem Busch im Park, sondern der nette Nachbar von nebenan. Frauenhass ist Teil unserer Kultur und nimmt – wie man aktuellen Zahlen entnehmen kann – immer weiter zu.

Männerüberschuss und Frauenhass

Studien wie die von Plan International, der King’s Business School of London oder dem Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock zeigen, dass frauenfeindliche Einstellungen und die Legitimierung von Gewalt gegen Frauen in der Generation Z (geb. 1997 – 2012) wesentlich stärker verbreitet sind, als in jeder anderen Generation. So weisen die Baby-Boomer (geb. 1946 – 1964) die geringste Frauenfeindlichkeit auf. Das Bild der antiquierten alten Männer, die der Gleichberechtigung und dem gesellschaftlichen Fortschritt im Wege stehen, führt leicht auf die falsche Spur.

Auf dieser Basis hat sich seit der Jahrtausendwende weltweit eine militante frauenfeindliche Männer-Szene und eine ähnlich orientierte Väterrechtler-Szene entwickelt, die international gut vernetzt ist. Antifeministische Bewegungen treten dabei längst nicht mehr nur als randständige Internetphänomene auf, sondern wirken bis weit in konservative, religiöse und rechtspopulistische Milieus hinein. Ob im Umfeld des sogenannten Marsch fürs Leben, der AfD oder in männerrechtlichen Netzwerken: Gemeinsam ist diesen Strömungen die Erzählung, Männer seien die eigentlichen Opfer gesellschaftlicher Veränderungen und Frauen hätten durch Gleichstellungspolitik eine ungerechtfertigte Machtposition erlangt. Die Journalistin Gabriela Keller beschreibt in ihren Recherchen zu Väterrechtler-Netzwerken, wie unter dem Deckmantel gleichberechtigter Fürsorgearbeit gezielt gegen Gewaltschutz verstoßen und Stimmung gegen Mütter gemacht wird. Frauen, die häusliche oder sexualisierte Gewalt benennen, werden in diesen Kreisen regelmäßig als manipulativ, hysterisch oder kindesentfremdend diffamiert. Eine Haltung, die es bis in Familiengerichte, Jugendämter und Sozialbehörden geschafft hat – mit weitreichenden Folgen für Mütter und ihre Kinder. Und einem klaren Verstoß gegen die Istanbul-Konvention.

Angeblich als Reaktion auf den demographischen Wandel (einen regional unterschiedlich stark ausgeprägten Männerüberschuss) soll die INCEL-Bewegung entstanden sein. Sogenannte involuntary celibates (unfreiwillig ohne Sexualität lebende Männer) verbreiten über Online-Communities Hassbotschaften gegen Frauen und versuchen, Gewalt gegen sie zu legitimieren – von Herrschaftsansprüchen bis zu Vergewaltigungen. Unter dem Schirm der Manosphere haben sie mit ihrer Kombination aus looksmaxxing (dem Nacheifern eines arischen Schönheitsideals durch Muskelaufbau und plastischer Chirurgie) sowie Frauenhass eine große Anziehungskraft auf jüngere Männer. Die Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock befürchten: „Werden die Bedürfnisse dieser Männer nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr einer kulturellen Gegenreaktion gegen die Gleichstellung der Geschlechter und gesellschaftliche Konflikte.“

Wie extrem die Auswüchse dieser Bewegung sind, zeigt die Autorin Veronika Kracher. Sie schreibt, dass in Nordamerika Incels inzwischen als Gefahr für die innere Sicherheit anerkannt sind. 2023 verurteilte ein kanadisches Gericht weltweit erstmals einen Mann für einen Frauenmord als Terroristen, der eine ihm unbekannte Frau in einem Massage-Salon mit einem Schwert niedermetzelte und dabei frauenfeindliche Parolen rief. Zu der Zeit wurden mehr als 50 Todesopfer in den USA und Kanada durch Incel-Attentate gezählt. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass zudem der Diskurs von Incels gegenüber anderen frauenfeindlichen Strömungen im Netz in den letzten Jahren immer rauer, respektloser und frauenverachtender geworden ist. Auch Deutsche sind in den Incel-Foren aktiv. Deutsche Sicherheitsbehörden bestätigten, die Bewegung weise Überschneidungen zum Rechtsextremismus auf, wodurch eine „nicht zu unterschätzende Bedrohung” deutlich werde.

Frauenhass braucht keine Sexlosigkeit

Es braucht allerdings keine abwegigen kissless/hugless male virigins, die eine Gefahr darstellen. Diese Frauenfeindlichkeit geht auch von Männern aus, die in einer heterosexuellen Beziehung leben. Was die Französin Gisèle Pelicot erleiden musste, ist nur ein Fall von vielen. Die Website motherless verzeichnete in einem Monat über 80 Millionen Aufrufe, in denen Männer sich gegenseitig zeigen, wie sie ihre Partnerin betäuben und vergewaltigen. Auch Telegram-Gruppen zu demselben Zweck zählen teils über 70.000 Mitglieder. Und in der CDU Niedersachsen führten neun männliche Mitarbeiter eine WhatsApp-Gruppe namens MitGLIEDER, in der sie sexistisches Material teilten, unter anderem Deep-Fakes einer Mitarbeiterin und dessen Profilbild ein Elefanten-Penis darstellte.  

Die gesellschaftskritische, politische und intellektuelle Reflexion dieser Entwicklung sowie deren Erforschung steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen und versagt vor allem dann, wenn es um die strukturellen Hintergründe von institutioneller patriarchaler Gewalt und ihre Auswirkungen geht. In Folge der Vernachlässigung dieser Entwicklung haben die männlichen Profiteure erhebliche Spielräume, ihre Macht- und Kontrollbedürfnisse in Beziehungen, im Berufsleben und in der Politik national und international auf Kosten der Mehrheit aller Menschen auszuleben und damit zugleich unsere Entwicklungschancen einer nachhaltigen Zukunft dauerhaft zu gefährden. Wir halten die Etablierung einer neuen Männlichkeitskultur für erforderlich, die sich offensiv einer patriarchalen Männlichkeit entgegenstellt.

Der verunsicherte Mann

„Eine Zumutung“ findet das der SPIEGEL-Journalist Arno Frank, jetzt als Mann sein Schweigen brechen zu müssen und sich Frauen gegenüber solidarisch zu zeigen, die unter patriarchalen Strukturen leiden. Schweigen sei immer noch Gold, denn beim Sprechen könne man sich ja so schnell verstricken, so seine Aussage. Er fordert vehement sein Recht auf Schweigen. Und fügt trotzig hinzu: „Wir Männer müssen gar nichts”. Man könne Männer zu nichts zwingen. Lieber sollten sie „gelegentlich mal ganz dezent die Klappe (…) halten.” Die Politikwissenschaftlerin und Bestseller-Autorin Emilia Roig sagt, wenn einen etwas kümmert, wenn einem also etwas wichtig ist, dann regt man sich auf, dann setzt man sich ein, da ist man aktiv und kann nicht stillschweigend zusehen. Wer aber passiv bleibt, der gibt seine unausgesprochene Zustimmung. Das gilt sowohl für faschistische und rassistische Strukturen, gegen die es gilt seine Stimme zu erheben, genauso wie für misogyne, also frauenfeindliche. Und in der Tat, Arno Frank behauptet, dass Männer so einiges könnten, aber eben nur „wenn es denn wirklich einer Einsicht entspringt”. Und die scheint es bei ihm und vielen anderen eben nicht zu geben. Wovon er sich hingegen extrem getriggert fühlt, ist der Aufruf, sich als Mann zu positionieren und Frauen beizustehen, gegen patriarchale Strukturen vorzugehen, Frauenhass und Sexismus klar zu benennen. Aber was würde das bedeuten?

Der taz-Journalist Gereon Asmuth betont, dass er aufgeklärt sei und sehr wohl um die Situation von Frauen Bescheid wisse, die von Männern sexualisiert würden, dass sie nachts in dunklen Ecken Angst vor bösen unbekannten Männern haben müssten, aber auf keinen Fall vor ihm – dem Frauenversteher, der keiner Frau (und schon gar nicht seiner eigenen) ein Haar krümmen würde.

Er ist der Auffassung, nicht der verunsicherte Mann sei das Problem, sondern der verunsichernde. Leider ist es genau umgekehrt – es ist der verunsicherte, der so viel Schaden anrichtet mit seiner unterlassenen Hilfeleistung, der sich wegduckt, wegschaut, so tut, als hätte er mit all dem nichts zu tun, der nicht erkennt, dass seine passive Haltung den Frauen in seinem nächsten Umfeld schadet.

Es sind die intellektuellen Drückeberger, die eben nicht Mann genug sind, den Mund aufzumachen, sondern lieber weiterhin den automatischen Schulterschluss mit Männern üben, weiter an Männerbünden festhalten und zu feige sind, dem eigenen Freund, dem eigenen Kollegen, dem eigenen Bruder zu sagen, dass sein zotiger Witz nicht in Ordnung ist, dass seine abfällige Bemerkung gegenüber einer Kollegin völlig daneben, dass die Bilder, die er Dir schickt, einfach nur sexistisch sind.

Zudem nutzen genau solche Männer wie der taz-Journalist Mechanismen, um die unangenehme Scham der Kollektivschuld von sich zu weisen. Sie schieben den Frauen die Schuld für ihr Unbehagen in die Schuhe. Denn die Frauen seien sich viel zu uneins, wie sie jetzt mit Männern umgehen sollten, die sich mit ihnen solidarisieren wollen – ob mit offenen Armen oder eher skeptisch. Das könne nur verunsichern…

Der schamlose Mann

Solange Männer nicht in der Lage sind, sich zu schämen und auch fremdzuschämen, wird das Patriarchat fortbestehen. „Die Scham muss die Seite wechseln” wird daher nicht so einfach passieren. Denn viele Männer haben weniger ein Problem mit Gewalt gegen Frauen als mit dem Verlust anderer Männer. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass kollektive Scham oft auf die Opfer abgewälzt wurde, damit sich Täter davon befreien konnten. Die Abwehrmechanismen nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen es um eine Kollektivscham ging, waren Schweigen, Leugnen, Unwissenheit vortäuschen, sich selbst als unschuldig erklären.

Scham, das ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das einen in Grund und Boden versinken lassen möchte, eben verschwinden, gar sterben. Es kann als lebensbedrohlich empfunden werden – vor allem für eine Gruppe, die bislang als mächtig und charismatisch galt. Die Soziologin Desirée Waterstradt schreibt hierzu: „Eine machtvolle Etabliertengruppe und jeder Zugehörige hat massive Probleme damit, wenn ihr Gruppencharisma leidet und immer weniger tragfähig ist. Individuell stecken Menschen einer Etabliertengruppe dabei zwischen Baum und Borke: Wenn Sie sich schämen und dies offen thematisieren, fallen sie der Kollektivgruppe, der sie angehören und von der sie getragen werden, in den Rücken und müssen mit entsprechenden Abwertungen, Ausschlüssen und Attacken rechnen.”

Im aktuellen Fall Fernandes-Ulmen lässt sich genau dieses Phänomen bei Männern erkennen, die nun dazu aufgefordert wurden, sich dazu zu verhalten, zu Deepfakes, zu sexualisierter Gewalt, zu digitaler Gewalt. Sich nun einzugestehen, eine Kollektivschuld zu tragen und sich dafür schämen zu müssen, wird von vielen als “unzumutbar” empfunden.

Denn Scham bedeutet einen Angriff auf soziale Bande. Viele Männer fürchten, den Anschluss an männliche Gruppen zu verlieren, deren Zusammenhalt bislang Frauenfeindlichkeit war. Häufig getragen von stillem Einverständnis und Wegsehen.

Scham für das Verhalten einer ganzen Gruppe an Menschen zu empfinden, zu denen man selbst zugehörig ist, ist eine Kunst und ein Kraftakt, es ist ungemütlich und unangenehm. Denn es geht nicht um das kleinere Übel Schuld – die nur ein bestimmtes Verhalten bestrafen würde – sondern um ein Infragestellen der eigenen Person oder Personengruppe. Der Verlust von Ehre, Stolz und Anerkennung können zu einer Identitätskrise führen, oder eben zu einer extremen Zerstörungswut, was in Bezug auf heterosexuelle Partnerschaften bis zur Tötung der Ehe- oder Exfrau führen kann, wenn diese es wagt, ihn zu verlassen oder sich so zu verhalten, dass es seinem Ansehen schadet. Die Wut- und Gewaltausbrüche von Männern werden gerne auf angeblich biologische Dispositionen zurückgeführt, wie auf einen Überschuss an Testosteron. Dass hier das Unvermögen, sich mit Kränkung und Scham auseinandersetzen zu können, ein Auslöser sein könnte, kommt kaum in Betracht.

Die Scham ist aber wichtig, um Abstand zu gewalttätigem oder diskriminierendem Verhalten einnehmen zu können. Sie hilft, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich neu auszurichten. Dazu braucht es aber eine Kultur, die genau das unterstützt. Es braucht den Mut der Männer selbst, sich gegenseitig darin zu unterstützen, Scham zulassen zu können, ohne den sozialen Halt verlieren zu müssen. Sondern ganz im Gegenteil, sich mit anderen Männern neu aufstellen zu können.

Das Patriarchat schon überwunden?

Die umstrittene Philosophin Svenja Flasspöhler sagt in der SRF-Sendung Sternstunden vom Mai 2023: „Frau Roig, jemand wie Sie und mich gäbe es in einem Patriarchat nicht. Ich finde es zynisch, wenn wir sagen, wir leben in einem Patriarchat.“ Sie ist der Meinung, als starke Frau ficht das Patriarchat sie nicht mehr an. Die schwarze Politikwissenschaftlerin Emilia Roig kontert darauf: „Nur, weil ich hier sitze, gibt es dann auch keinen Rassismus mehr?“ Das sei dieselbe Logik. Nur, weil Kolonialismus und Sklaverei angeblich überwunden seien, sei Rassismus überwunden. Das sei Quatsch.

Eine die ebenfalls der Meinung war, dass Frauen das Patriarchat bereits überwunden hätten, war die amerikanische Journalistin (Washington Post) Hannah Rosin. Als sie 2010 mit ihren Buch: The end of men and the rise of women weltweite Aufmerksamkeit erreichte, lag ihrer provokanten Veröffentlichung eine sorgfältige und langjährige Analyse internationaler Studien und Datenbanken zugrunde, aus der sich weltweit ablesen lies, dass Frauen aufgrund ihrer besser entwickelten soft skills (Empathie, Fürsorglichkeit, Veränderungsfähigkeit) und ihrer besseren Bildungsabschlüsse überall in der Welt zunehmend mehr Führungsrollen übernahmen, Hauptverdiener in Familien wurden und bei Strukturkrisen viel eher als die Männer ihre Lebensweise und ihr Arbeitsmarktverhalten umstellen konnten.

So richtig Hannah Rosins analytische Feststellungen auch waren, so unzutreffend waren ihre Schlussfolgerungen, dass infolge dieser Entwicklung Frauen aufgrund ihrer Überlegenheit zukünftig Männer entbehrlich machen würden. Ihre These, dass das Ende der Männer bevorstehe, war in zweierlei Weise zu kurz gedacht. Eine auf Zukunft ausgerichtet Menschheit kann und darf nicht hinnehmen, dass ein Geschlecht aufgrund nicht erlernter Fähigkeiten zu einer Dauerbelastung zivilisatorischer Entwicklungsprozesse wird. D.h.: Die Menschheit braucht empathische Männer, die es gelernt haben, Konflikte auszuhalten und fähig sind, auf Krisen und Strukturwandel zu reagieren.

Hannah Rosin teilt die Welt in Männer und Frauen ein, die in binären Welten leben und typisch männliche oder weibliche Dinge tun würden. Auch beobachtet sie die Freiheit der Frauen nur bis zum Einzug in die Ehe und schaut nicht auf ihre Situation darüber hinaus. Völlig unberücksichtigt blieb bei Hannah Rosin der Aspekt der Macht. In patriarchalen Gesellschaften gibt es sehr machtvolle und als wahr empfundene Diskurse, die das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen aufrechterhalten. Dazu zählt zum Beispiel die gezielte Verunsicherung und Unterminierung weiblichen Selbstbewusstseins. Die australische Philosophin Kate Manne, die zu Misogynie forscht und schreibt, belegt anhand zahlreicher Studien, dass Männer sich oft mehr erlauben dürfen als Frauen. In einer Studie wurden den Teilnehmenden fiktive berufliche Profile von Personen vorgelegt, die mal «James» und mal «Andrea» genannt wurden. James wurde – trotz ansonsten durchgängig identischer Informationen – als kompetenter und sympathischer bewertet, ohne jegliche rationale Grundlage. In einer anderen Studie bekamen die Teilnehmenden Geschichtchen über Eltern vorgelegt, die kurz das Haus verließen. Das Verhalten von Müttern, die ihre Kinder allein ließen, wurde als riskanter eingeschätzt als das von Vätern. Zudem legt sie dar, dass Männern, sobald ihr Ruf, ihre moralische Integrität in Gefahr geraten könnte, Empatie entgegengebracht wird. Vor allem privilegierten Männern werden ihre Sünden schnell und gerne vergeben. Das Ganze nennt sich Himpathy. Ein Mittel, um patriarchale Macht aufrecht zu erhalten. Das Ansehen, die Befindlichkeit des Mannes kann sogar über dem gesamten Leben einer Frau stehen, wie anhand von Gerichtsurteilen bezüglich Femiziden deutlich zu erkennen ist und eine Trennung der Frau vom Mann oft als strafmildernd gedeutet wird. Empathie mit Männern in Machtpositionen, während gleichzeitig die von ihnen attackierten weiblichen Opfer erst einmal verdächtigt werden, zu lügen oder nur Aufmerksamkeit zu wollen.

Gewaltdiskurs in Deutschland – gute und schlechte Männer

Am Beispiel der öffentlichen Diskussion um Männergewalt gegen Frauen wird deutlich, dass die kritische Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt fast immer mit dem Hinweis verbunden ist, dass es sich bei den Tätern um monströse Bösewichte handele. Gewalt wird damit zur Privatsache umgedeutet und wer Opfer wurde, hat halt Pech gehabt oder nicht aufgepasst. Insbesondere wird damit die Tür geöffnet für eine Abgrenzung der vielen „guten Männer “ gegen die wenigen „schlechten Männer“.

Bis heute werden als Folge dieser Abgrenzung häusliche Gewalt und Femizide in Deutschland als Beziehungstaten verharmlost und entpolitisiert, müssen sich Frauen in Verfahren bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung rechtfertigen, nicht eindeutig genug Nein gesagt zu haben und Frauen, die mit ihren Kindern der häuslichen Gewalt entfliehen, müssen befürchten, von Jugendämtern und Gerichten als Mütter, die ihre Kinder dem Vater entfremden und als psychisch krank diffamiert zu werden sowie mit dem Entzug des Sorgerechts rechnen (GREVIO -Deutschland Bericht des Europarats 2022; Hammer, Wolfgang 2022/2024 ).

Erst 2022 rügte der Europarat Deutschland, da Familiengerichte den Schutz von Frauen vor Partnerschaftsgewalt nicht angemessen umsetzen und das Umgangsrecht des (gewalttätigen) Vaters über den Schutz von Mutter und Kinder stellen. In Celle wurde eine Mutter erst kürzlich für fünf Monate inhaftiert, weil sie versucht hatte, ihre Tochter zu schützen. Wie sehr der Ruf eines Mannes das ganze Leben einer Frau überdecken kann, zeigte sie in dem Gerichtsurteil in Belgien: Ein Gynäkologie-Student in Belgien vergewaltigte eine Kommilitonin. Doch der Richter sieht von einer Freiheitsstrafe ab, weil es sich um einen „begabten“ und „hoch angesehenen“ jungen Mann handle. Er habe noch seine gesamte Zukunft vor sich.

Fakt ist, dass frauenfeindliche Narrative der hysterischen Frau, der Übermutter, der Lügnerin und Manipulatorin einen hohen Verbreitungsgrad haben. Vielen Männern fällt es schwer, sich in ihren männlichen peer groups frauenfeindlichen Zerrbildern und toxischer Männlichkeit entgegen zu stellen und sich von falscher Geschlechtssolidarität abzugrenzen und lautstark ihre Stimme zu erheben.

Macht, Technik, Geld – menschliches Miteinander braucht etwas anderes

So ist ein machtvolles patriarchales cultural lag entstanden, das Rechtsstaatlichkeit, Aufklärung und ein friedvolles Zusammenleben von Menschen und Völkern trotz formaler Verfassungsgrundsätze unterläuft. Die Auswirkungen dieser patriarchalen Weltsicht begünstigt ein Recht des Stärkeren. Verlierer sind unmittelbar Frauen und Kinder sowie non-binären Personen und mittelbar all das, was unsere Zukunft nachhaltig sichert: Bildung, evidenzbasiertes Wissen, Umweltverantwortung und Gewaltfreiheit.

Diese patriarchale Männlichkeitskultur reduziert sich in ihren Zielen und Methoden im Kern auf den Zugewinn an Macht oder dem martialischen Kampf gegen den Verlust von Macht und Status in Beziehungen, im Berufsleben und in der Politik.

Gerade in Anbetracht extremen Machtgebarens wie Kriege werden alle anderen Formen des Gestaltens und der gesellschaftlichen Entwicklung in dieser Welt nachrangig oder zum „Gedöns“, wie Gerhard Schröder die Funktion von Bildungs-, Familien- und Gleichstellungspolitik in seiner Regierung beschrieben hat. Bis heute ist die Geringschätzung der Politikbereiche Bildung, Umwelt, Gesundheit, Pflege und Ehrenamt im OECD-Vergleich ablesbar. Besonders eklatant ist die haushaltspolitische Nachrangigkeit Deutschlands im Bereich Bildung (Krippe, Kita, Schule, Berufsausbildung). Der Bildungsmonitor kommt für die letzte Dekade sogar zur Feststellung, dass sich der Bildungsstand unsrer Schüler*innen in den letzten 10 Jahren verschlechtert hat. Jedes Jahr bleiben zudem rund 60.000 Schüler*innen ohne Bildungsabschluss.

Die milliardenschweren Einsparvorschläge, die eine Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Gemeinden unter dem Titel „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ für die Bereiche Kinder-und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe erarbeitet hat, würden individuelle Rechtsansprüche und die soziale Infrastruktur in allen Städten und Landkreisen, die bisher Kindern, Jugendlichen und Familien zur Verfügung steht, irreversibel schädigen. Die Planungen vollziehen sich außerhalb öffentlicher Kontrolle. Es ist dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zu verdanken, dass das geleakte Geheimpapier jetzt öffentlich wurde.

Hinzu kommen die geplanten Einsparungen im Haushalt des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die schon vollzogenen in vielen Städten und Landkreisen. Auch diese treffen fast ausnahmslos Förderleistungen, die bisher Kindern, Jugendlichen sowie Frauen zur Verfügung standen.

Diese Entwicklung offenbart, dass die in Sonntagsreden aller Parteien verkündete Wertschätzung der überwiegend von Frauen geleisteten Care-Arbeit im Gegensatz zur Realpolitik steht.

Neue Männer braucht das Land – Plädoyer für eine von Empathie geprägte Männlichkeitskultur

„Empathie als Erfolgstreiber für Wirtschaft und Gesellschaft in Zeiten von KI “ war der Titel eines Mediengesprächs, zu dem die Zurich Insurance Versicherungsgesellschaft AG am 24.3.26 nach Berlin eingeladen hatte. Gastreferent war Prof. Dr. Jamil Zaki von der Stanford University – Social Neuroscience Laboratory. Thema die durch Forschung u.a. von Jamil Zaki belegte Empathielücke in Wirtschaft und Gesellschaft.

In der Einladung findet sich die Aussage:

„Im gesellschaftlichen Miteinander ist Empathie ein Fundament für prosoziales Verhalten, gelungene Kommunikation und das Funktionieren miteinander. Fakt ist aber auch: Empathie ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor, der weltweit allerdings höchst unterschätzt wird.“

Wie lange wollen wirin Deutschland noch warten, bis diese Erkenntnis der Privatwirtschaft Einzug in unseren gesellschaftlichen Alltag und unsere politische Agenda findet? Durch eine konsequente Orientierung entlang empathiefähiger Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen würde sich unsere patriarchale Gesellschaft radikal verändern. Dann würden Bildung, Erziehung, soziales Miteinander und das Zusammendenken von Ökonomie und Ökologie das Leitbild einer nachhaltigen Politik sein und Machtmissbrauch und Gewalt gegen Frauen wären Ausdruck einer misslungenen Sozialisation. Deshalb ist jetzt die Zeit, dass Männer endlich Flagge zeigen und dem Patriarchat, den Fake News und der Angst vor Veränderung eine emphatische Männlichkeit entgegenstellen.

Literatur:

Amadeu Antonio Stiftung. 2021. Frauenhassende Online-Subkulturen. Ideologien – Strategien – Handlungsempfehlungen. Berlin: Amadeu Antonio Stiftung. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/frauenhassende-online-subkulturen/ <17.05.2026>

Frank, Arno. 25.03.2026. Nein, die Männer müssen nicht ihr Schweigen brechen. SPIEGEL Online. https://www.spiegel.de/kultur/fall-collien-fernandes-nein-die-maenner-muessen-nicht-ihr-schweigen-brechen-kommentar-a-575e4932-e1f7-4646-9cf6-c99253b1d297  <17.05.2026>

Gereon Asmuth. 23.03.2026. Seid leise, Männer! taz online. https://taz.de/Der-Fall-Fernandes/Ulmen/!6165097/ <17.05.2026>

Grevio. 2022. Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/202386/3699c9bad150e4c4ff78ef54665a85c2/grevio-evaluierungsbericht-istanbul-konvention-2022-data.pdf <17.05.2026>

Gesterkamp, Thomas. 2022. Durch Antifeminismus entstehen enorme Kosten. Gunda Werner Institut/Heinrich Böll. https://www.gwi-boell.de/de/2022/06/09/durch-antifeminismus-entstehen-enorme-kosten <17.05.2026>

Gottzén, Lucas. 2016. Displaying Shame: Men’s Violence towards Women in a Culture of Gender Equality. In: Margareta Hydén, David Gadd und Allan Wade (Hg.): Re-sponse Based Approaches to the Study of Interpersonal Violence. London: Palgrave Macmillan UK, S. 156–175.

Gottzén, Lucas. 2019. Chafing masculinity: Heterosexual violence and young men‘s shame. In: Feminism & Psychology29 (2), S. 286–302. DOI: 10.1177/0959353518776341

Hammer, Wolfgang. 2022. Familienrecht in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme. Hamburg. https://www.familienrecht-in-deutschland.de/die-studie/

Hammer, Wolfgang. 2024. Kinderrechte und Gewaltschutz im Familienrecht. Zur Problematik von Umgangsverfahren bei häuslicher Gewalt. https://www.familienrecht-in-deutschland.de/die-studie/

Heesen, Boris von. 2022. Was Männer kosten. Der hohe Preis des Patriarchats. München: Heyne.

Hitchens, Alexander. Hughes, Seamus. 2026. (Re) Assessing the Threat from Incel Violence: A Study of Violent Incel-Related Federal Cases in America. University of Nebraska-Omaha. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1057610X.2026.2617209#d1e192 <17.05.2026>

Keller, Gabriela, 2023. Väterrechtler auf dem Vormarsch. https://correctiv.org/aktuelles/haeusliche-gewalt/2023/09/19/die-netzwerke-der-vaeterrechtler/ <17.05.2026>

Kracher, Veronika. 2020. Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults. Mainz: Ventil Verlag.

NDR. 2025. Incels – Der Hass auf Frauen. https://story.ndr.de/incels/index.html <17.05.2026>

Paritätischer Gesamtverband. 2026. Enthüllung Kahlschlag: Geheimpläne zum Sozialabbau bei Kindern und Familien. https://www.der-paritaetische.de/alle-meldungen/enthuellung-kahlschlag/ <17.05.2026>

Plan International. 2020. Free to be online. https://www.plan.de/fileadmin/website/05._Ueber_uns/Maedchenberichte/Maedchenbericht_2020/Free_to_be_online_report_englisch_FINAL.pdf?sc=IDQ26100 <17.05.2026>

Schubert, Henrik-Alexander. Spoorenberg, Thomas. Dudel, Christian. Skirbekk, Vergard Fykse. Masculinization of populations reverses sex differences in fertilit., Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (17) e2533317123, https://doi.org/10.1073/pnas.2533317123 (2026) <17.05.2026>.

Rosin, Hanna. 2012. The End of Men. And the Rise of Women. New York: Riverhead Books.

Waterstradt, Desirée. Unveröffentlicht. Kindzentrierung, Geschlecht und Schamangst. Wie kollektive Mütterfeindlichkeit, Momism und Mamitis entstehen.

Theodor-Heuss-Haus. 2024. „Vom Mut, sich zu schämen.“ https://theoblog.theodor-heuss-haus.de/alle-beitraege/detail-seite/vom-mut-sich-zu-schaemen <17.05.2026>.

Autor*innen:

Wolfgang Hammer, Dr. phil.: Als Soziologe und Pädagoge forscht Wolfgang Hammer seit 2013 zu den Themen Kinderschutz, Kinder- und Frauenrechte und zu frauenfeindlichen Narrativen in familiengerichtlichen Verfahren. Nationale und internationale Aufmerksamkeit erzielte er durch seine Studien Familienrecht in Deutschland 2022 und Macht und Kontrolle in familiengerichtlichen Verfahren 2024. 2017 wurde in den Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Kinderhilfswerks berufen. Er verfügt über Praxiserfahrungen in verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder-und Jugendhilfe und war von 2005 bis 2013 als Leiter der Abteilung Kinder-und Jugendhilfe in der Hamburger Sozialbehörde Ko-Koordinator der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden für Kinder-und Jugendpolitik und Kinderschutz. Er ist Vater von drei Söhnen.

Katharina Vollmeyer: Als Soziologin und Filmemacherin hat Katharina Vollmeyer für ARTE und ZDF sozialkritische und feministische Dokumentarfilme gedreht. Derzeit strebt sie eine Promotion zum Thema „Die Psychologisierung von Müttern“ an der Universität Bremen unter der Betreuung von Iris Stahlke und Henning Schmidt-Semisch an (Eine soziologische Analyse der Individualisierung struktureller Belastungen in der Mutterschaft und ihrer Funktion im Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnisse). Sie engagiert sich im Anti-Feminizid-Netzwerk Hamburg, führt Workshops zum Thema an Schulen durch, hat einen Lehrauftrag zu geschlechtsspezifischer Diskriminierung an der HAW und befindet sich zusammen mit der Soziologin Tamara Candela in einer Arbeitsgemeinschaft mit Wolfgang Hammer. Sie ist Mutter von Zwillingen.

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