Der 11-jährige Daniel muss zu seinem gewalttätigen Vater, der ihn, seinen Bruder und seine Mutter Juana Rivas aus Spanien psychisch und körperlich misshandelte.
Daniel sagt:
„Ich hatte mein ganzes Leben lang Angst wegen meines Vaters, der mich immer schlecht behandelt hat. Einmal hat er mich die Treppe hinuntergeworfen und mir dabei die Rippen schwer verletzt, sodass sie deformiert sind. […] Niemand hört mir zu. Ich bin jetzt elf Jahre alt und weiß, was ich mir für mein Leben wünsche.“ Und weiter: „Er wird mich umbringen, wenn ich zurückkomme […].“
Seine Bedenken kommen nicht von ungefähr: Sein Bruder und er erzählen von den Drohungen des Vaters gegen die Mutter. „Deine Mutter ist eine H***“, „Ich werde sie umbringen“ oder „Ich werde ihr die Kehle durchschneiden“ – solche Sätze haben die beiden oft gehört.
Was war passiert?
Francesco Arcuri aus Italien und Juana Rivas lernten sich in London kennen und lieben. Doch schon ein Jahr nach der Geburt ihres ersten Kindes Gabriel erstattete Juana eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt gegen den Kindesvater. Er wurde rechtskräftig zu drei Monaten Haft auf Bewährung und einem Kontaktverbot verurteilt. Doch das Paar versöhnte sich und zog nach Italien, wo einige Jahre später Sohn Daniel zur Welt kam. Die Gewalt ging hingegen weiter. 2016 beschloss Juana, sich und ihre Kinder vor dieser Gewalt durch den Kindesvater zu schützen: Sie reiste mit den Kindern nach Spanien und kehrte nicht mehr zurück. Erneut erstattete sie Anzeige gegen den Kindesvater wegen Gewalt.
Doch statt die Mutter und Kinder zu schützen, kam das Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) zur Anwendung: Ein Gericht in Spanien ordnete die sofortige Rückkehr der Kinder nach Italien an. Auch Rechtsmittel halfen nichts: Die Kinder sollten 2017 zurück zum gewalttätigen Vater nach Italien gebracht werden. Aus Verzweiflung tauchte Juana mit den Kindern kurzzeitig unter, unter der großen Solidarität in Spanien: Unter #JuanaEstaEnMiCasa („Juana ist in meinem Haus“) bekunden sie ihre Unterstützung. Doch nur einen Monat später gibt Juana auf. Sie wurde festgenommen, ein Strafgericht verurteilte sie später zu fünf Jahren Haft, sechs Jahre Entzug der Obsorge und sogar Schadenersatz. Der spanische Oberste Gerichtshof reduziert die Strafe später auf zweieinhalb Jahre, die Strafe wurde später in Gemeinschaftsarbeit umgewandelt. Die Brüder Daniel und Gabriel mussten also zurück zum Vater.
Im Dezember 2024 leitete die Staatsanwaltschaft in Cagliari Ermittlungen gegen Arcuri wegen mutmaßlicher Misshandlungen des jüngeren Sohnes Daniel ein. In den Weihnachtsferien 2024 bekam Daniel das erste Mal die Erlaubnis, seine Mutter in Spanien zu besuchen. Er wollte nicht mehr zum Vater zurück, sogar sein Bruder Gabriel, jetzt volljährig, setzte sich für Daniel ein: Er veröffentlichte ein Video und ein Audio, in denen er schwere Vorwürfe gegen den Vater erhebt und um Schutz für seinen Bruder bittet. Ein spanisches Gericht ließ seine vorläufige Bleibe bei der Mutter zu.
Doch die italienische Justiz sieht das anders: Sie verlangt die Herausgabe von Daniel, der die UNO und Menschenrechtsorganisationen um Hilfe bittet. Der gewalttätige Vater bezichtigt Juana der Manipulation und der Eltern-Kind-Entfremdung (PAS). Das ist eine unwissenschaftliche Theorie, die von pädophilen Tätern verbreitet wird. Ein Muster, das viele Alleinerzieher*innen in internationalen Verfahren kennen. Daniel soll in den nächsten Tagen trotz seiner großen Angst, trotz der Solidarität der Bevölkerung und der Regierung, an den Vater übergeben werden.
Das Problem liegt im System: Das 1980 geschaffene HKÜ zielt auf schnelle Rückführung, blendet aber häusliche Gewalt und Kindesschutz weitgehend aus. Eine Analyse von „The 19th“ beschreibt, wie das Abkommen heute häufig von mutmaßlich gewalttätigen Vätern eingesetzt wird, um Kinder gegen ihren Willen zurückzuholen : https://19thnews.org/2025/06/hague-abduction-convention-mothers-children.
Expert*innen wie Dr. Adrienne Barnett fordern nach dem Pretoria-Forum 2024 ein „abduction reversing“-Update des HKÜ: Gewalt soll stets als schwerwiegendes Risiko gelten, Kinder müssen obligatorisch angehört werden, und Rückführungen sind auszusetzen, bis Schutzmaßnahmen greifen: https://www.brunel.ac.uk/news-and-events/news/articles/Family-law-expert-urges-%27abduction-reversing%27-Hague-Convention-to-take-account-of-domestic-abuse
Obwohl die EU 2024 häusliche Gewalt als Fluchtgrund anerkannt hat, wird in der Rechtsprechung das HKÜ als wichtiger bewertet.
Unsere Forderungen an Politik und Vertragsstaaten
- Eine Überarbeitung des Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ): Keine Rückführung von Kindern, solange Gewaltvorwürfe des anderen Elternteils nicht eindeutig widerlegt werden können.
- Gewaltschutz und Kinderschutz muss über den elterlichen Kontaktrechten stehen.
- Verbindliche Risiko- und Gefährdungsanalysen in jedem Verfahren und kindgerechte Anhörungen mit unabhängiger Vertretung.

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