Aufruf vom 14. April 2026
Betrag von Dr. Wolfgang Hammer
Noch nie in der Nachkriegsgeschichte schien die Welt so aussichtslos auf eine Zukunft zuzusteuern, die durch Gewalt, Kriege, Auflösung internationaler Vertragsgrundlagen, soziale Spaltung und die Zerstörung unserer ökologischen Lebensgrundlagen bedroht wird. Weltweit wächst der Einsatz von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung oder zur Durchsetzung von Machtansprüchen sowie deren politische und gesellschaftliche Akzeptanz und Legitimierung, auch in den demokratischen Staaten.
Von dieser Entwicklung sind vor allem Frauen und Kinder betroffen: Sie sind sowohl Opfer individueller männlicher Gewalt bis hin zu Femiziden als auch Opfer institutioneller Gewalt durch Kriege und Machtmissbrauch von Exekutivorganen und Gerichten beim Gewaltschutz.
Andererseits war es noch nie so klar erkennbar, dass eine Politik, die auf das Recht des Stärkeren setzt, kein einziges unserer nationalen und weltweiten Probleme zu lösen vermag, sondern eine der zentralen Ursachen fast aller gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ist.
Eine nachhaltige und friedvolle Zukunft braucht selbstsichere Menschen, die kreativ, kooperativ, friedfertig und wissensbasiert handeln.
Aus dieser Erkenntnis kann und muss eine gesellschaftliche Gegenbewegung ihre Kraft schöpfen, die unter dem Motto steht: Wir fordern eine wissensbasierte, nachhaltige und gewaltfreie Politik im Interesse aller Menschen, auf die Männer und Frauen gleichberechtigt und gleichwertig Einfluss nehmen.
Eine wesentliche Voraussetzung dazu ist die Anerkennung, dass nahezu alle kleinen und großen Machtzentren dieser Welt, auch in Deutschland und Europa, Zentren männlicher Machtausübung sind und Frauen in der Welt nur noch kleine oder regionale Machtinseln verblieben sind.
Wenn sich die internationalen Medien darin einig sind, dass Ursula von der Leyen die mächtigste Frau der Welt ist, obwohl sie in ihrer Macht nicht nur von den großen europäischen Staaten abhängig ist, sondern auch ständig von nationalistischen und rechtsextremen Parteien im Europaparlament unter Druck gesetzt werden kann, ist dies ein Zeichen dafür, wie sehr der Einfluss von Frauen weltweit geschrumpft ist.
Während auf der Weltbühne die Trumps, Netanyahus, Putins und Multimilliardäre wie Musk und ihre Nachahmer dabei sind, das Rad der Zeit zurückzudrehen, nutzen die kleinen Machthaber in den Büros und in Paarbeziehungen den Aufwind dieses patriarchalen „wind of change“.
Diese liebesunfähigen Machtmännchen brauchen zur Erhaltung ihres Selbstwertgefühls Frauen als schmückendes Beiwerk, über das sie jederzeit nach Belieben verfügen können.
Auch in Deutschland ist von diesen Männern ein Bild erzeugt worden, dass die Emanzipation von Frauen inzwischen die Männer bedrohe, die angeblich nicht mehr „Mann sein dürfen“, und dass dadurch eine Verweichlichung der Gesellschaft erfolgt sei.
Das Fortschreiten der Auswüchse einer von Männern gemachten neoliberalen Weltordnung, die soziale Spaltung vertieft, zu falschen politischen Prioritäten führt und in der kurzfristige Vorteile für sehr wenige zu langfristigen Nachteilen für fast alle führen, folgt genau dem Prinzip des Rechts des Stärkeren. Und es sind überall die mächtigen Männer dieser Welt, die in der Wirtschaft, der Finanzwelt und in der Politik die Weichen stellen und die Knöpfe drücken – ohne Rücksicht auf die Folgen.
Die Slogans „America First“ und „Make America Great Again (MAGA)“ sowie die Heilsbotschaften der nationalistischen Regierungen und Parteien in den noch demokratischen Ländern suggerieren den Menschen, dass ihre Bedürfnisse und Interessen mit den Mitteln einer nationalistischen Politik mehr Berücksichtigung finden. Internationale Vereinbarungen und Institutionen wie die Vereinten Nationen, der Atomwaffensperrvertrag, die UN-Menschenrechtskonvention oder die Istanbul-Konvention (Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt) stehen dem im Wege und werden nach Belieben missachtet und gebrochen.
Hinter all diesen Bestrebungen stehen Männer, die ihre Macht zu ihrem eigenen Nutzen so ausweiten wollen, dass ihnen weder Parlamente noch Wahlen ihre Macht einschränken oder nehmen könnten. Wie schnell die Gewaltenteilung in einer Demokratie ausgehebelt werden kann, hat Donald Trump uns gezeigt.
Donald Trump hat uns auch vorgemacht, wie einfach es ist, mit plumpen Lügen, Schuldzuweisungen und Realitätsverweigerung dafür zu sorgen, dass die humanistischen Ansprüche der Aufklärung an den Staat, wissensbasiert zu handeln, auf der Strecke bleiben. Die natürlichen Feinde einer Politik, die auf Fake News aufbaut, sind Bildung, Wissenschaft und Forschung, eine unabhängige Justiz und eine freie Presse. Das alles ist nicht nur in den USA schon unterschiedlich schwer beschädigt.
Doch Trump steht nicht allein. Überall in der Welt, auch in Europa, mehren sich die Versuche von Autokraten und denen, die gerne welche werden wollen, Parlamente in ihrer Macht zu beschneiden, politische Gegner zu diskriminieren, Wahlen zu manipulieren und auf Justiz und Medien Druck auszuüben. Die Tatsache, dass in etlichen demokratiefeindlichen Parteien Europas Frauen Spitzenpositionen besetzen, ändert nichts an diesem Grundmuster.
Parallel zu dieser Entwicklung steigt in nahezu allen Ländern nicht nur die Gewalt gegen Frauen in Beziehungen, in Trennungssituationen, in familiengerichtlichen Verfahren sowie im Internet, sondern auch deren gesellschaftliche Akzeptanz. Die ungebremste Zunahme an Femiziden ist nur die Spitze des Eisbergs.
Ebenso lastet die Bürde der Care-Arbeit weiterhin überwiegend auf den Schultern der Frauen, die unsere Kinder in den Familien, Kitas und Schulen erziehen und unsere Pflegebedürftigen versorgen und dafür eigene berufliche Entwicklungen und individuelle Entfaltung zurückstellen, Einkommensnachteile hinnehmen und dafür mit einer schlechten Altersversorgung „belohnt“ werden.
Wir dürfen nicht zulassen, dass es so weitergeht!
Warum der Kampf für Gewaltfreiheit außen- und innenpolitisch immer an erster Stelle der politischen Agenda stehen muss
Jedes Zusammenleben von Menschen, insbesondere das Aufwachsen von Kindern, wird durch Gewalt und die Angst vor Gewalt zur Tortur. Langfristiges Planen, Verantwortung für sich und andere, Freiheit der Persönlichkeitsentwicklung, Kreativität, Unternehmergeist und die Freude am Leben basieren auf Gewaltlosigkeit. Eine Gesellschaft und ein Staat, in denen Gewalt gegen Frauen und Kinder zur Privatsache umgedeutet wird, versagen bei der Sicherung ihrer Existenzgrundlagen und gefährden sowohl die Nachhaltigkeit als auch die Humanität der gesellschaftlichen Entwicklung. Das gilt umso mehr auch für das Zusammenwirken der Nationalstaaten und die Vermeidung von gewaltsamen Auseinandersetzungen.
Die wirtschaftliche Ausbeutung ganzer Regionen der Welt und das Führen von Kriegen sind Formen des Machtmissbrauchs und nie politisch legitimierbar. Deshalb besteht gerade für einen demokratischen Staat die dauerhafte Verpflichtung, nach friedlichen Lösungen bei internationalen Konflikten zu suchen.
Die Erwartung, mit militärischen Mitteln Völker von ihren Unterdrückern zu befreien, ist sowohl in Afghanistan als auch aktuell im Iran gescheitert. Zurück bleiben nicht nur zerstörte Brücken, Kraftwerke und Verkehrswege, Schulen und Krankenhäuser, sondern vor allem Menschen, die getötet oder schwer verletzt wurden, sowie Milliarden an Geldmitteln, die für Zerstörung ausgegeben wurden, anstatt für den Kampf gegen Hunger oder für Bildung, Wissenschaft und Naturschutz genutzt zu werden. Weiterhin herrschen in diesen Ländern Männer, die Frauen unterdrücken, ihnen Unterordnung auferlegen und dies zum Teil mit tödlicher Gewalt durchsetzen.
In demokratischen Staaten wie Deutschland haben sich die Prioritäten in der Politik zum Nachteil für uns alle verändert. Der letzte Bildungsmonitor belegt, dass sich in Deutschland im letzten erhobenen Jahrzehnt der Bildungsstand unserer Schüler*innen verschlechtert hat und dass jeder zehnte junge Mensch ohne Schul- und Ausbildungsabschluss bleibt. Die Schlangen an den Tafeln werden immer länger, und Wohnen sowie die Wohnnebenkosten haben inzwischen auch die Handlungsspielräume von Mittelschichtsfamilien stark eingeschränkt. Frauen und Kinder sind mehr denn je männlicher Gewalt ausgesetzt. Deshalb ist der Kampf gegen individuelle Gewalt und institutionelle Mittäterschaft von Staat und Justiz kein Nischenthema, sondern gehört an die Spitze der Agenda für die Zukunftsgestaltung unserer Welt und unseres Landes.
Nicht nur alle Frauen müssen jetzt Flagge zeigen, sondern vor allem wir Männer müssen in unseren Freundeskreisen, Büros, Werkhallen, Vereinen und Parteien zusammen aufstehen und klarstellen:
Mit toxischen und dummen Machtmännchen ist kein Staat zu machen.
Wir fordern eine radikale Neubestimmung der politischen Agenda, weg von der Erziehung zur Kriegsfähigkeit hin zu einem gebildeten, friedfähigen, änderungsbereiten, gleichberechtigten und klugen Zusammenwirken von Männern und Frauen für eine nachhaltige Zukunft aller Menschen.

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