Narzissmus: Zwischen Modebegriff, medizinischer Diagnose und juristischer Realität

Artikel von Markus Drechsler, erschienen auf www.menschenundrechte.at

Vom Modebegriff zur messbaren Störung: Wie der Wandel von ICD-10 zu ICD-11, der Vergleich zum US-System DSM-5 und neue Erkenntnisse der Hirnforschung unseren Umgang mit hochstrittigen Persönlichkeiten im Rechtssystem verändern.

Der Begriff „Narzissmus“ hat in den letzten Jahren eine beispiellose Karriere hingelegt. In den sozialen Medien, in der Popkultur und am Familientisch ist die Diagnose schnell gestellt: Wer egoistisch handelt, gilt als Narzisst. Doch diese inflationäre Verwendung verwässert ein klinisches Phänomen, das insbesondere in der Rechtspraxis, etwa bei Scheidungen, Sorgerechtsstreitigkeiten oder Gewaltschutzverfahren, massive Auswirkungen hat. Ein aktueller Blick in die Wissenschaft zeigt, dass wir es nicht nur mit einem „schwierigen Charakter“ zu tun haben, sondern oft mit fundamentalen neurobiologischen Defiziten. Gleichzeitig vollzieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Einführung des ICD-11 derzeit eine stille Revolution, die das Schubladendenken der Vergangenheit beendet und Gutachtern wie Juristen völlig neue Werkzeuge an die Hand gibt.

Der Autor

Markus Drechsler ist Berater für Straf- und Familienrechtsverfahren, organisiert mediale Begleitung von Gerichtsverfahren (Litigation PR), begleitet und koordiniert umfangreichen Verfahren und ist Journalist. Er beschäftigt sich seit 2012 mit dem Maßnahmenvollzug. Durch diese Tätigkeiten ist er oft mit psychiatrischen und psychologischen Gutachten konfrontiert. Dieses Wissen und diese Erfahrungen kann er durch die Kontakte zu und den Austausch mit internationalen Experten noch aufwerten. Außerdem ist er Herausgeber und Chefredakteur des Magazins „Menschen & Rechte“.

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