Risiko Alleinerzieherin

Alleinerziehende Mütter kennen das Risiko durch Mehrfachdiskriminierungen aufgrund ihrer Familienform und ihres Geschlechts in sämtlichen Bereichen von Gesellschaft, Beruf, Politik und Pflegschaftsverfahren leider zu gut. Patriarchale Abwertung sämtlicher Aspekte des Weiblichen findet im Leben von Alleinerzieherinnen ihre absolute Zuspitzung. Da ich selbst Alleinerzieherin bin, kann ich aus eigener Erfahrung schildern, welche Risiken das Familienmodell Alleinerzieherin mit sich bringt. Durch den jahrelangen, ständigen Austausch mit alleinerziehenden Müttern kann ich zusätzlich auf den Erfahrungsschatz dieser Frauen zurückgreifen. Jahrelange Diskriminierung hat diese Mütter und mich politisiert und zu den Feministischen Alleinerzieherinnen, die sich in einem Verein organisieren, werden lassen. Aufgrund unserer Familienform und ihrer Risiken wurden wir zu politischen Aktivistinnen.

Gesellschaftliche Diskriminierung

Da Alleinerzieherinnen einen hohen Aufwand an Betreuungspflichten haben, die frau oftmals mit niemandem teilen kann, ist es sehr schwierig am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Einladungen zu privaten Treffen bleiben aus, auch das soziale Umfeld orientiert sich am Modell der Paarfamilie. Die Wahl eines neuen Partners gestaltet sich Großteils schwierig, da Männer nicht unbedingt Partnerinnen mit kleinen Kindern präferieren. Manche Lehrer*innen nehmen an, dass Kinder von Alleinerzieherinnen aufgrund der Familiensituation mehr Defizite haben. Aber auch wenn die Kinder gute Schulerfolge haben, schwingt das Stigma der Rumpffamilie (das sind Familien ohne Kopf) mit. Eine Ärztin, der eine Mutter unseres Vereins ihr Leid aufgrund ständiger Überlastung klagte, bescheinigte ihr, dass der Grund für ihre Überlastung der fehlende Vater sei und ihre Familie somit nicht „intakt” wäre. Es ist klar, dass eine solche Aussage der Mutter nicht hilft, sie fühlte sich nach dem Gespräch noch schlechter anstatt Unterstützung von der Ärztin zu erfahren. In einer Gesellschaft, die das Modell der heteronormativen Kleinfamilie verinnerlicht hat, werden Alleinerzieherinnen und ihre Kinder nicht als „richtige” Familie angesehen.

Berufliche Diskriminierung

Im Berufsalltag schlagen sich Alleinerzieherinnen mit Kindergarten- und Hortplätzen herum, die am Land nur frühe Schließzeiten und lange Ferien zu bieten haben.

Ausreichende ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuungsstätten bleiben ein Wunschtraum. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für sie eine Illusion. Oftmals kranke Kinder und nur zwei Wochen Pflegefreistellung pro Mutter und Jahr, anstelle von vier Wochen pro Paarfamilie und Jahr, beenden berufliche Karrieren im Nu. Nicht zu vergessen ist, dass die meisten Frauen in Österreich auch im Jahr 2022 Teilzeit arbeiten werden, weil es mit den Betreuungspflichten und der unbezahlten und ungesehenen Care-Arbeit gar nicht anders möglich ist, und ihnen somit nur ein Teilzeitgehalt übrigbleibt. Als Alleinerzieherin in Österreich ist frau aufgrund von Betreuungspflichten ein unberechenbares Risiko für den/die Arbeitergeber* in. Auch wenn Frauen in gehobeneren Positionen tätig sind, kann es ihnen passieren, dass ihre Betreuungspflichten bei der Planung von Meetings oder Treffen mit Stakeholdern nicht berücksichtigt werden. Skandinavische Länder sind uns da weit voraus. Die ständige Diskriminierung schlägt sich auf die Psyche der Mütter nieder, das Selbstwertgefühl leidet, die Mutter kommt im Leben nicht weiter, sie überlebt lediglich. Eine Karriere, bei der sie ihr Selbstwertgefühl stärkt, ihre gesellschaftliche Stellung sichert und ein gutes Gehalt verdient, bleibt ihr oftmals versagt.

Politische Diskriminierung

In der Gesetzgebung werden Alleinerzieherinnen mit Kindern nicht als gleichwertige Familienform anerkannt, sondern, wenn überhaupt, als Ausnahme von der Regel der traditionellen Kernfamilie gesehen. Es existiert wenig statistisch relevantes Datenmaterial und die langjährige Forderung nach einer statistischen Repräsentation von Alleinerzieherinnen, um zu aussagekräftigen Daten zu gelangen, wird ignoriert.

Wie die im Dezember 2021 erschienene Kinderkostenstudie zeigt, werden Alleinerzieherinnen durch das Steuersystem in Form des Familienbonus, der hauptsächlich Paarfamilien zugutekommt, und durch das Pensionssystem in Form von fehlender Anrechnung ihrer immensen Care-Arbeitsleistungen, diskriminiert.

Diskriminierung durch das Gerichtssystem

Das österreichische Gerichtssystem legt sehr viel Wert darauf, dass Väter Kontakt zu ihren Kindern pflegen, auch wenn sie gewalttätig sind, denn Kinder sollen nicht vaterlos aufwachsen. Mütter werden in Pflegschaftsverfahren manipuliert, bedroht, unter Druck gesetzt und eingeschüchtert. Oft werden sie ihrer Rechte beraubt, teilweise beraubt man sie ihrer Kinder. Sie werden durch jahrelange Gerichtsverfahren finanziell ausgeblutet.

Ihnen werden teure Gutachten zugemutet und Sparguthaben, die ursprünglich für die Zukunft ihrer Kinder gedacht waren, werden dafür aufgebraucht. Ein ganzes gerichtliches Helfer*innensystem steht bereit, um die Mutter in ihre Schranken zu weisen und ihr den Platz der Befehlsempfängerin zuzuweisen. Wir setzen uns für das Empowerment von Müttern in Obsorgeverfahren ein, indem wir Expert*innen einladen und Aufklärungsarbeit leisten.

Durch das Unterhaltsrecht werden Frauen strukturell diskriminiert, da ihre Sorgearbeit unterbewertet bleibt. Die Studie zu Kinderkosten und die Daten zu Kindesunterhalt belegen, dass die Kosten für Kinder durch Familienleistungen und Unterhaltszahlungen nicht annähernd gedeckt sind. Es gibt eine riesige Kluft zwischen tatsächlichen Kosten und den Unterhaltssätzen. Versuchen Mütter Unterhalt einzuklagen, können aufgrund von Gutachten und Rekursen Jahre vergehen, bisKinder den ihnen zustehenden Unterhalt bekommen. Mütter geben tausende Euro für Anwält*innen aus, um ihrem Kind zu seinem Recht zu verhelfen und sehen sich oft Angriffen von Gegenanwält*innen und psychischer bzw. ökonomischer Gewalt von Kindesvätern ausgesetzt. Oft bekommen Kinder nach langen Verfahren aufgrund eines veralteten Unterhaltsrechts nicht annähernd den Unterhalt zugestanden, der ihre tatsächlichen Lebenskosten abdecken würde. Es zeigt sich, dass die derzeitige Rechtsprechung das Kind vor Reichtum, aber nicht vor Armut schützt. Im Leben von Alleinerzieherinnen und ihren Kindern bewahrheitet sich zu hundert Prozent, dass das Private politisch ist.

Dieser Artikel ist in den aep informationen 2022 Nr. 1 | Mehr für Care! erschienen

Fotos von der Kundgebung am 29. Mai 2021 von Mehr Für Care, 1070 Wien, Mariahilfer Straße

Rede Andrea Czak
Tanz für Mehr für Care

Anmerkungen

(1) Im Auftrag des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz hat die Statistik Austria die aktuelle Kinderkostenanalyse (PDF, 325 KB), siehe https://www.sozialministerium.at/Services/News-und-Events/kinderkosten.html

(2) Studie zu „Unterhalt und Kinderbetreuung“ der Statistik Austria, siehe https://www.statistik.at/web_de/presse/126801.html, siehe file:///C:/Users/Startklar/Downloads/82.000_minderjaehrige_kinder_von_alleinerzieherinnen_bekommen_geldunterhal.pdf

Lesetipps

  • JOCHIM, Valerie (2020). Care.Macht.Arbeit. Lebenswelten von Alleinerzieherinnen, Campus Verlag
  • DIMMEL, Nikolaus, SCHENK Martin, STELZER-ORTHOFER Christine (2014). Handbuch Armut in Österreich, Studien Verlag
  • FINKE, Christine (2016). Allein, Alleiner, Alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt. Bastei Lübbe Verlag
  • TIPPE Sebastian (2021). Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern. Edigo Verlag
  • RULFFES Evke (2021). Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung. HarperCollins Verlag
  • HERMAN Judith (2003). Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Junfermann Verlag
  • BARAN-SZOLTYS, Magdalena, BERGER Christian, für das Frauen*volksbegehren (2020). Über Forderungen. Wie feministischer Aktivismus gelingt. Verlag Kremayr & Scheriau
  • CLEMM Christina (2020). Akteneinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. Verlag Antje Kunstmann
  • KAISER Mareice (2021). Das Unwohlsein der modernen Mutter. Rowohlt Polaris Verlag
  • ARMBRUSTER Kirsten (2019). Mütterarmut. Eine Streitschrift wider eine von Männern definierte und nur am Mann orientierte Ökonomie. Books on Demand, Norderstedt Verlag

Die Autorin

Andrea Czak, MA, ist die Gründerin und Obfrau des Vereins Feministische Alleinerzieherinnen – FEM.A. Der österreichweite Verein setzt sich für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder ein, die in Pflegschafts- und Unterhaltsverfahren den verschiedensten Professionen des Familienrechts gegenüberstehen.

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