Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufzuwachsen bedeutet, vieles früher zu verstehen, als es eigentlich vorgesehen wäre – und anderes erst deutlich später zu erlernen.
Als junges Mädchen zwischen Gerichtsverfahren und Besuchen vom Jugendamt und Sozialarbeiterinnen groß zu werden bedeutet vor allem eines: ein dauerhaft erhöhter Stresspegel. Es bedeutet, nicht richtig Kind sein zu können. Die Vorstellung einer kindlichen Naivität, in der die Welt zunächst als heil wahrgenommen wird, ist fremd. Ich hatte nie diesen Moment, der oft der Erkenntnis folgt, dass der Weihnachtsmann nicht existiert – den Moment, in dem man begreift, dass die Welt komplexer und härter ist als gedacht. Ich habe nie an den Weihnachtsmann geglaubt und war mir selbst und meinen Umständen früh bewusst. Ich verstand die Gespräche der Erwachsenen, las ihre Blicke und Tonlagen und wusste, was unausgesprochen gemeint war. Das prägt bis heute meinen Blick auf Kinder und wie viel ich ihnen zutraue, zu begreifen.
Als Tochter einer alleinerziehenden Mutter begegnet man früh Machtstrukturen und Missständen. Mir wurde schnell klar, dass vor Gericht nicht Gerechtigkeit entscheidet, sondern Einfluss, Narrative und Druckmittel. Ein richterliches Fehlurteil kann den Verlauf eines gesamten Familienschicksals unwiderruflich bestimmen. Das konfrontierte mich schon als Kind mit der minderen Stellung meiner Mutter im Staat und in der Gesellschaft – und damit auch mit weiblicher Verletzlichkeit im größeren Sinne. Die kindliche naive Vorstellung einer unantastbaren Mutterfigur war mir dadurch nie gegeben. Stattdessen lernte ich ihre Verletzbarkeit kennen, und zugleich meine eigene.
Doch während man in zerrissenen Familienkonstellationen vieles früh erlernen muss, bleiben einem zugleich andere Dinge verwehrt, die für Kinder aus stabilen Familien selbstverständlich sind. In Sorgerechtsverfahren, in denen beide Seiten scheinbar „um das Kind“ kämpfen, bleibt paradoxerweise wenig Raum für das Kind. Alles dreht sich augenscheinlich um das Kind, doch die Aufmerksamkeit, die man erhält, hat nur selten etwas mit dem tatsächlichen Kindeswohl zu tun. Man wird früh dazu verleitet, die Bedürfnisse der jeweiligen Elternteile zu erfüllen und Erwartungen gerecht zu werden. Als Kind unter Druck solcher psychisch belastenden Verhältnisse ist es schwer, eine eigene Stimme zu entwickeln. Eigene Bedürfnisse finden wenig Gehör. Vorrang hat die Schaffung von Harmonie, das Vermeiden von Konflikt und Konfrontation, selbst wenn das bedeutet, sich selbst zurückzustellen. Die Loyalität zu sich selbst wird deshalb erst spät ein Begriff, oft erst im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter. Dann beginnt der mühsame, aber notwendige Prozess, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, zu würdigen und für sie einzustehen.
Trotz – oder gerade wegen – all dieser Herausforderungen hat das Aufwachsen als Tochter einer alleinerziehenden Mutter meinen Charakter entscheidend geprägt. Aus der Zerrissenheit meiner Familie entstand ein innerer Kompass, der mich zu Gerechtigkeit und Widerstand gezogen hat. Ich habe mich früh feministisch politisiert, früh gelernt, Missstände zu benennen und mich für eine gerechtere Gesellschaft für Frauen einzusetzen. Diese Politisierung wurzelt in Fragen von Frauenrechten, reicht aber darüber hinaus: Sie umfasst alle Bevölkerungsgruppen, die von unterschiedlichen Marginalisierungen betroffen sind. Sie formt meine Werte, mein soziales Engagement, meinen Werdegang und mein Umfeld. Komfort und Stabilität konnte ich in tiefgreifenden Freundschaften finden, als Gegenpol und Alternative zu den disruptiven Familiendynamiken. So habe ich mir ein Netzwerk aus Liebe und Vertrauen geschaffen, das über familiäre Bindungen hinausgeht.
Indem ich meine Geschichte erzähle, sehe ich klarer, wie sich die Fäden meiner Kindheit zu dem gewebt haben, was ich heute bin: ein Mensch, der früh gelernt hat zu sehen, zu lesen, zu schützen – und erst später zu sprechen. Mein Erwachsenwerden steht exemplarisch für viele Kinder, die zu früh Verantwortung tragen müssen und deren Loyalität gegenüber sich selbst erst spät lernbar wird. Somit ist die Auseinandersetzung mit meinen Erfahrungen für mich nicht nur Rückblick, sondern ein Akt der Selbstbehauptung und ein Prozess des Verstehens: wie Identität entsteht, wie Resilienz sich formt und wie aus Verletzlichkeit politische Haltung werden kann.

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