Was kosten Kinder im 21. Jahrhundert?

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Artikel von Dr. Stefan Humer aus dem Journal für Ein-Eltern-Familien „Alleinerziehende Was auf dem Weg“ 02/2020

 

Wie können wir die neuen Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen und eine Aktualisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen überführen? Vor diesem Hintergrund haben Stefan Humer und Severin Rapp vom Forschungsinstitut Economics of Inequality der WU Wien in einer neuen Studie Berechnungsmethoden direkter Kosten von Kindern analysiert, Bandbreiten ausgewertet und damit den ersten Baustein zur Beantwortung und Aktualisierung dieser doch recht komplexen Thematik gelegt (http://ineq.at/kinderkosten).

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

Die Geschichte der wissenschaftlichen Erhebungen zu dem Bedarf von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen beginnt in Österreich ziemlich genau vor 100 Jahren. Sigmund Preller beobachtete damals die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterbevölkerung und leitete daraus einen klaren Zusammenhang zwischen dem physiologischen Bedarf und dem Alter des Kindes ab. Obwohl Preller explizit nur Nahrungsmittel betrachtete, sollte seine Skala noch viele Jahre später Anwendung finden. Unter anderem auch in den heute immer noch maßgeblichen Berechnungen des Österreichischen Statistischen Zentralamts von 1970 und den Arbeiten von Danninger, die alle von Kindern und Erwachsenen gemeinsam genutzten Ausgaben mit der Preller-Skala (bzw. Abwandlungen davon) auf die Haushaltsmitglieder verteilten. Neben Danninger ist Reiner Buchegger sicher eine der Schlüsselfiguren in der österreichischen Forschung zu Kinderkosten. Über mehrere Jahrzehnte publizierte er immer wieder neue Kinderkostenmessungen, zuletzt in einer großen Studie im Jahr 2003.

Gemeinsam mit Alois Guger leitete er damals die bis dato sicherlich umfangreichste Analyse zu den Kosten von Kindern in Österreich. Neben verschiedenen Berechnungsmethoden für direkte Kinderkosten finden sich darin Analysen zum Verdienstentfall von Frauen mit Kindern, Zahlen zur Entwicklung der Kaufkraft von Familien unter Berücksichtigung von Transferzahlungen sowie Untersuchungen zur Zeitverwendung von unterschiedlichen Familientypen. Umso mehr mag es verwundern, dass sich die aktuellen Regelbedarfe trotz neuerer Evidenz auf Warenkörbe des Jahres 1964 und Aufteilungsschlüssel beziehen, die aus dem Ernährungsbedarf der Wiener Bevölkerung vor dem Ersten Weltkrieg abgeleitet wurden. Es drängt sich die Einsicht auf, dass neues Datenmaterial oder eine neue Kinderkostenstudie nicht zwingenderweise ausreichen, um den Status quo zu verändern. Vielleicht finden sich in der WIFO Studie zu viele unterschiedliche Berechnungsarten, zu viele verschiedene Ergebnisse, die die Politik zögern ließen, in welche Richtung die Anpassungen vorzunehmen seien. Es ist sicher ein Zeichen für wissenschaftliche Redlichkeit, die Forschungsfrage möglichst umfassend zu beleuchten und verschiedene Zugänge gegenüberzustellen, aber haben Guger und Buchegger übertrieben? Kann man die Ausgaben für Kinder nicht einfach berechnen, vielleicht am besten in einer einzigen Zahl?

Kinderkosten, warum eigentlich so schwierig?

Ich glaube nicht. Auch wenn die Messung von Kinderkosten auf den ersten Blick recht trivial erscheint, stellen sich bei genauerer Betrachtung recht schnell viele Fragen. Welche Ausgaben wollen wir eigentlich messen? Wie gehen wir mit gemeinsam genützten Gütern um? Geht es um ein physisches Existenzminimum oder auch um gesellschaftliche Teilhabe und die Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung? In der Studie findet sich eine Diskussion dieser und noch einer Reihe weiterer Herausforderungen. Die wissenschaftliche Literatur bietet als Antwort ein breites Repertoire von unterschiedlichen Ansätzen zur Berechnung der Kosten von Kindern. In der Zusammenschau zeigen sich jeweils Stärken und Schwächen, es gibt leider nicht DIE eine Methode, die allen anderen in allen Belangen überlegen ist. Da die Wahl der Methode Auswirkungen auf das Ergebnis hat, ist es empfehlenswert, diese sorgsam auszuwählen. Die Studie bietet dafür eine Orientierung. Sie erklärt die Berechnungsansätze und analysiert die dahinterliegenden Annahmen. Neben der quantitativen Zusammenfassung von bisherigen Studien in Brandbreiten zeigt der Bericht nicht zuletzt auch Wege auf, wie die Datenlage zu Kinderkosten zukünftig verbessert werden könnte.

An kleinen Schrauben oder doch den großen Rädern drehen

Insbesondere sollten dabei jene Haushalte im Zentrum stehen, die von den bisherigen Ansätzen nur unzureichend abgedeckt werden. Gerade Alleinerziehende, Patchworkfamilien und Mehrgenerationenhaushalte kommen in üblichen Stichprobenerhebungen nur selten
vor. Ein Oversampling dieser Haushaltsgruppen könnte hier treffsicherere Analysen ermöglichen. Darüber hinaus haben nicht alle Kinder die gleichen Bedürfnisse, Unterschiede der anteiligen Ausgaben für Kinder nach deren Alter, dem Wohnort und dem Einkommen der Familie sollten Berücksichtigung finden. Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, was überhaupt gemessen werden soll. Ein möglichst klares Bild darüber würde die Auswahl der Methoden spürbar erleichtern. Auch auf Ebene der öffentlichen Verwaltung handelt es sich um eine Querschnittsmaterie. Allein die Koordination von mehreren Ministerien (Familien und Frauen, weiters Soziales, Finanzen und Justiz) stellt eine weitere Herausforderung dar. Gleichzeitig bietet sich damit bei entsprechendem Rückhalt auch die Chance für einen großen Wurf, der neben dem Unterhalt auch die anderen Elemente der öffentlichen Familienförderung an eine aktualisierte Faktenbasis anpasst. Moderne Methoden und die Validierung der Berechnungen mit Zielgruppen könnten die Schätzungen von Kinderkosten schlussendlich im 21. Jahrhundert ankommen lassen und ihnen in Zukunft zusätzliche Relevanz und Legitimität verleihen.

Dr. Stefan Humer ist Assistant Professor am Forschungsinstitut Economics of Inequality der WU Wien und war zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter der Oesterreichischen Nationalbank. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit unterschiedlichen Fragen zur Entwicklung und Verteilung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen.

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