Wie prominente Männer trotz Missbrauchsvorwürfen unantastbar bleiben
Cancel Culture
Immer wieder werden Rufe gegen eine vermeintlich linke “Cancel Culture” laut, die das Aussprechen von Wahrheiten verhindere und insgesamt viel zu sensibel sei. Gerade im Zusammenhang mit Frauen müsse man ja heutzutage übervorsichtig sein – gut gemeinte Komplimente würden als frauenfeindlich oder übergriffig missverstanden. Eine missverstandene Aussage eines bekannten Musikers, so das Narrativ, reiche aus, um seine Karriere zu zerstören: keine Einladungen mehr in Talkshows, keine Tourneen, Verluste auf Musikplattformen. Doch ist das so?
Ein Blick auf die Realität zeichnet ein anderes Bild. Die Liste prominenter Männer mit Vorwürfen oder nachgewiesenem Missbrauch ist lang: vom Rammstein-Sänger Till Lindemann, gegen den schwere Vergewaltigungsvorwürfe erhoben wurden und der in seinen Texten Gewalt gegen Frauen zelebriert, über Popstar Chris Brown, der nachweislich gewalttätig gegenüber Ex-Partnerinnen war, bis hin zu US-Präsident Donald Trump, der wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen wurde.
Das Leben dieser Männer hat sich nach Aufkommen der Vorwürfe kaum verändert. Lindemanns, Browns und Trumps Karriere haben keinen Schaden genommen. Lindemann füllte zuletzt Arenen in 17 Ländern. Chris Brown hielt kürzlich eine ausverkaufte Welttournee ab. Und Donald Trump bekleidet eines der mächtigsten politischen Ämter der Welt.
Dabei ist es nicht einmal so, dass der Erfolg dieser Männer fortbesteht, weil ihr Missbrauch geleugnet wird. Viel schlimmer ist, dass sie weiterhin erfolgreich sind, obwohl der Missbrauch nachgewiesen ist. Viele werden dafür sogar gefeiert, dass sie ihre Frauenfeindlichkeit offen zur Schau stellen. Ihre Machtposition macht sie weitgehend immun. Gewaltvorwürfe werden von ihnen als “frei erfunden” diffamiert und als gezielte Versuche dargestellt, ihrem Ruf zu schaden und die Betroffenen als selbstinszenierend zu diskreditieren. Möglich wird dieses Verhalten durch ein System von Staat und Gesellschaft, das sich eher mit Tätern solidarisiert als mit den betroffenen Frauen.
Kunst und Künstler
Gerade im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen Musiker begegnet man häufig dem Argument, man müsse die Kunst vom Künstler trennen können. Es möge ja sein, dass Sänger wie Lindemann und Brown gewalttätig gegenüber Frauen seien, aber das mache ja die Musik noch nicht problematisch. Diese wäre ein unabhängiges Produkt von Missbrauch und so könne man sie weiterhin genießen. Die Trennung von Kunst und Künstler setzt jedoch voraus, dass es sich um zwei Dinge handelt, die unabhängig voneinander sind. Genau das ist hier nicht der Fall. Es ist gerade die Kunst und der damit verbundene Erfolg, der Missbrauch ermöglicht! Die Kunst schafft Zugänge, stabilisiert Machtverhältnisse und verleiht dem Täter Legitimation und Autorität. Die Macht, die Kunst verleiht, verschafft dem Künstler eine Art Immunität gegenüber Behörden und auch in den Medien. Somit legitimiert die Trennung von Kunst und Künstler weiterhin den Erhalt von Missbrauchsstrukturen.
Altbekanntes Muster
Fälle wie diese vermitteln ein bestimmtes Bild: Frauen wird nicht geglaubt. Weder von den Behörden noch von der Öffentlichkeit. Anzeigen verlieren ihren Wert, während Frauen, die ihre Stimme erheben, sogar mit Hassnachrichten und Hetze aus dem Umfeld prominenter Täter konfrontiert werden. Letztlich tragen sie die mentalen, physischen, gesellschaftlichen und finanziellen Konsequenzen, während die Täter unversehrt weiterleben und ihre Karrieren fortsetzen. Dabei bleibt das Argument von einer besagten “Cancel Culture” die vermeintlich jeden mundtot mache, eine Schutzbehauptung von Männern, um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Missbrauchsvorwürfen zu verweigern und sich selbst als Opfer zu inszenieren.
Alleinerziehende Mütter
Der Diskurs über eine sogenannte Cancel Culture spiegelt eine Realität wider, die alleinerziehende Mütter aus eigenen Räumen nur zu gut kennen. Dieselben Mechanismen, die prominente Männer trotz Missbrauchsvorwürfen unangreifbar lassen, reproduzieren sich im häuslichen Umfeld, im Bekanntenkreis und vor Gericht. Müttern wird unterstellt, eigene Interessen zu verfolgen, zu übertreiben oder Vorwürfe gegen den Kindesvater sogar gezielt zu konstruieren, um ihm zu schaden. Die Kraft und Überwindung, die es erfordert, die Gewalt des Kindesvaters überhaupt anzusprechen, wird dabei systematisch übergangen.
Wir beobachten, wie gesellschaftliche und rechtliche Urteile häufig zugunsten von Kindsvätern ausfallen, die Missbrauch und Gewalt begangen haben. Diese Urteile sind nach wie vor von patriarchalen Vorstellungen durchzogen: Frauen gelten als unglaubwürdig, während Männern Glauben geschenkt wird. Männer verfügen über mehr Macht – finanziell, kulturell und gesellschaftlich. Einer Mutter vor Gericht Glauben zu schenken, bedeutet daher, jene Machtstrukturen grundsätzlich in Frage zu stellen und zu beschneiden.
Inmitten dieser Strukturen gibt es Frauen und Mütter, die sich dem System widersetzen – die trotz allem ihre Geschichten öffentlich machen und sich nicht einschüchtern lassen.
Der Druck zu schweigen bleibt enorm. Umso mehr besteht wahre gesellschaftliche Stärke darin, Missstände offen zu benennen und Tätern endlich die Bühne zu nehmen.
Autorin: Alisa Offenberg

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