In den letzten Tagen ging die Broschüre „ElternTIPPs -Alleinerziehend – Ratgeber für Ein-Eltern-Familien“, herausgegeben vom Bundeskanzleramt, in den sozialen Medien viral. Auch verschiedene Medien haben darüber berichtet. Warum der Ratgeber aufregt, lassen wir Dich selbst beurteilen. Wir haben einige der Textpassagen aus dem Ratgeber, der inzwischen vom Bundeskanzlerarmt offline geschaltet wurde, in einer Social Media Kampagne eingeordnet.
Das Familienministerium hat reagiert und eine Überarbeitung des Ratgebers unter Einbeziehung der Creator*innen, die auf die Broschüre aufmerksam gemacht haben, angekündigt.
Für uns verdeutlicht der Ratgeber aber vor allem folgendes:
- Alleinerzieher*innen werden von manchen Politiker*innen und Behörden als Problemfall behandelt werden. Während Familienministerin Bauer etwa in der Broschüre „Papa sein“ erstmal zum Nachwuchs gratuliert und in der Broschüre sachlich finanzielle Unterstützungsleistungen und Rechtsansprüche erklärt werden, wird Alleinerzieher*innen ein Katalog an Verhaltensvorschriften präsentiert. Im Vorwort von Familienministerin sucht man die Glückwünsche vergeblich. Stattdessen wird im Inhalt der Broschüre versucht, Alleinerzieher*innen – großteils Mütter – zu reparieren und zu belehren. Auch von dieser Grundhaltung erzählen uns Alleinerzieher*innen, wenn sie sich an Behörden wenden – etwa, wenn sie Hilfe suchen.
- Gewalt wird totgeschwiegen oder abgetan: Obwohl nach Zahlen aus Deutschland etwa jede dritte Mutter angibt, sich aufgrund einer Gewalterfahrung zu trennen, kommt Gewalt im gesamten Ratgeber nicht vor. Dabei gibt es eine eigens vom Justizministerium herausgegebene Handreiche zum Umgang mit Gewalt im Zusammenhang mit Obsorge und Kontaktrecht: https://www.bmj.gv.at/ministerium/aktuelle-meldungen/Jedes-Kind-hat-das-Recht-auf-ein-gewaltfreies-Aufwachsen-.html
Im Ratgeber für Alleinerzieher*innen werden hingegen pauschale Tipps gegeben, ohne Gewalt mitzudenken. Auch das erleben Alleinerzieher*innen, die sich an uns werden: Gewalt, die sie erfahren haben, wird kleingeredet, geleugnet oder es wird den Müttern geraten, einfach nach vorne zu blicken. - Zuschreibungen, Vorurteile, Unterstellungen, Be- und Verurteilungen: Offenbar war es vor dem medialen Shitstorm für das Bundeskanzleramt kein Problem, dass der Ratgeber voll von sexistischen Zuschreibungen, patriarchalen Vorurteilen, Unterstellungen, Be- und Verurteilungen war. Genau das erleben viele Alleinerzieher*innen, die sich hilfesuchend an uns wenden, auch im Umgang mit Behörden. Diese Grundhaltung Alleinerzieher*innen gegenüber wird offenbar geduldet.
- Auf wissenschaftliche Standards wird nicht geachtet: Der Ratgeber enthielt zahlreiche „Tipps“ und Aussagen, die der wissenschaftlichen Evidenz nicht standhalten. Auch wenn behauptet wird, dass die Publikation mit Fachpersonen erarbeitet wurde, so entsprach der Inhalt keinen wissenschaftlichen Standards. Psychologisches Halbwissen wurde als Tatsachen dargestellt. Genau das erleben Alleinerzieher*innen ebenfalls in ihrem Alltag, etwa im Rahmen von familienpsychologischer Gutachten, die sich nicht an die vorgeschriebenen Richtlinien halten. Halbwissen oder Falschinformationen prägen die Tipps oder Be- und Verurteilungen, die Alleinerzieher*innen erfahren.
- Strukturelle Diskriminierung wird verschwiegen, stattdessen werden Probleme den einzelnen Personen zugeschrieben. Das gleicht einer Täter-Opfer-Umkehr: So wird etwa nicht benannt, dass fehlende Regelungen im Unterhaltsrecht zu Armut führen, unter der Alleinerzieher*innen und ihre Kinder tatsächlich leiden, sondern Alleinerzieher*innen wird „Selbstmitleid“ unterstellt. Schuld für die eigene Situation wird also erst den Müttern zugeschrieben, die sich „selbst im Weg stehen“ (Zitat aus dem Ratgeber).
Was Alleinerzieher*innen wirklich brauchen? Wir haben das Wichtigste in unserem Forderungskatalog zusammengefasst: https://verein-fema.at/forderungskatalog/

Darunter etwa:
- Flächendeckende Schulungen über Gewalt gegen Frauen für alle Personen, die beruflich mit Alleinerzieher*innen zu tun haben, insbesondere gerichtliche Sachverständige und Richter*innen.
- Die Gleichstellung von Ein-Eltern-Familien – formal und auch gesellschaftlich
- Qualitätsstandards für Publikationen und im Umgang mit Alleinerzieher*innen müssen eingeführt werden, nur belastbare Aussagen sollten veröffentlicht werden dürfen. Opferschutz muss durchgehend mitgedacht werden.

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