Artikel von Alexandra Polič, erschienen auf anschlaege.at
Wer vor Familiengerichten Gewalt anspricht, gerät immer häufiger selbst unter Verdacht. Vor allem Müttern wird vorgeworfen, ihre Kinder gegen den Vater zu manipulieren – mit Verweis auf das umstrittene „Parental Alienation Syndrome“.
Als Sarah Brandt zum ersten Mal vor Gericht sitzt, sind die Verletzungen noch sichtbar, die ihr der Vater ihres Kindes zugefügt hat. Sie beantragt eine einstweilige Verfügung. Später wird er strafrechtlich wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Vor dem Familiengericht fordert er dennoch die alleinige Obsorge für das gemeinsame Kind. Aber dort geht es plötzlich nicht mehr um die Gewalt.
„Die Richterin meinte, sie interessieren die Geschichten eigentlich nicht. Wir sollen uns einigen“, erzählt Brandt, deren Name auf eigenen Wunsch geändert wurde. Statt über den Angriff zu sprechen, sei ihr vorgeworfen worden, sie sei „bindungsintolerant“ und wolle den Kontakt zwischen Vater und Kind verhindern. „Man kann sich vorher nicht vorstellen, dass man als Mutter so behandelt wird und das eigene Wort so wenig zählt“, sagt sie.
Pseudodiagnose. Brandt ist kein Einzelfall. Hinter Vorwürfen wie „Bindungsintoleranz“ oder angeblicher Manipulation steckt oft ein umstrittenes Konzept: das „Parental Alienation Syndrome“ (PAS), auf Deutsch „Eltern-Kind-Entfremdung“. Weltweit wird das Konzept von Väterrechtlern genutzt, um Mütter zu diskreditieren – und in extremen Fällen Gewalt- oder Missbrauchsvorwürfe infrage zu stellen. Recherchen von Correctiv, Deutschlandfunk und SWR zeigen, dass die Instrumentalisierung System hat: Dahinter steht ein internationales Netzwerk von Väterrechtsorganisationen, das die Referenz auf PAS in Familiengerichten aktiv fördert. Sie haben Verbindungen zur rechten Szene und laut den Recherchen vor allem das Ziel, Gleichberechtigung zu verhindern. Auch in Österreich gab es mehrere politische Vorstöße zur gesetzlichen Verankerung, zuletzt bei den FPÖ-ÖVP-Regierungsverhandlungen 2025.
Geprägt wurde PAS 1985 vom US-amerikanischen Kinderpsychiater Richard Gardner. Seine Theorie: Ein Elternteil beeinflusse ein Kind so stark, dass es den anderen Elternteil grundlos ablehne. Als „Symptome“ gelten etwa eine besonders heftige Ablehnung sowie das starke Beharren darauf, dass diese Ablehnung die unabhängige Meinung des Kindes sei. „Das aus diesen ‚Symptomen‘ abgeleitete ‚Syndrom‘ lässt sich wissenschaftlich nicht überprüfen oder widerlegen“, sagt Ulrike Altendorfer-Kling, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie auf an.schläge-Anfrage. Eine wissenschaftlich anerkannte Theorie müsse grundsätzlich falsifizierbar sein – also klar zeigen, unter welchen Bedingungen sie als falsch gelten würde. Das sei beim Parental Alienation Syndrome nicht gegeben, denn praktisch jedes Verhalten des Kindes könne als Bestätigung der Theorie gedeutet werden. Deshalb taucht PAS auch nicht in internationalen Diagnosekatalogen der Weltgesundheitsorganisation auf.
Aber gibt es nicht tatsächlich Fälle, in denen Kinder manipuliert werden? Dass Eltern ihre Kinder in Trennungskonflikten beeinflussen können, bestreitet die Expertin nicht: „Es gibt schon Fälle, in denen Elternteile Kinder gegen den anderen Elternteil aufbringen. Aber das sind wirklich nur ein bis drei Prozent der Fälle, dafür braucht man kein Syndrom.“ […]

0 Kommentare